Sie ist nahe am Wasser gebaut
Kategorie: Redewendungen
Sie ist nahe am Wasser gebaut
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "nahe am Wasser gebaut haben" ist ein feststehender Ausdruck der deutschen Sprache, dessen genaue Entstehung nicht lückenlos dokumentiert ist. Gesichert ist jedoch, dass sie bereits im 19. Jahrhundert in der Literatur und im allgemeinen Sprachgebrauch auftauchte. Ein früher schriftlicher Beleg findet sich beispielsweise in den Werken des Schriftstellers Gustav Freytag. Die bildhafte Vorstellung ist dabei sehr konkret: Wer sein Haus zu nah an einen Fluss oder See baut, lebt in ständiger Gefahr, dass bei Hochwasser die Fundamente unterspült werden und die Mauern feucht werden. Diese instabile, gefährdete Situation wurde metaphorisch auf die emotionale Verfassung des Menschen übertragen. Die Redensart beschreibt somit seit jeher eine besondere Empfindsamkeit.
Bedeutungsanalyse
Wer "nahe am Wasser gebaut" hat, ist besonders schnell zu Tränen gerührt oder zeigt sich allgemein sehr emotional und sensibel. Wörtlich genommen beschreibt die Formulierung einen fehlerhaften Bauplatz – ein Haus, das zu nah an einer Wasserquelle steht. Im übertragenen Sinn meint sie eine psychologische Disposition: Die "Gefühlsfundamente" dieser Person liegen sozusagen sehr hoch, und schon geringe emotionale Regungen können "überlaufen" oder "eindringen". Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung ausschließlich mit Traurigkeit zu verbinden. Sie umfasst jedoch die gesamte Bandbreite starker Gefühle. Jemand kann auch vor Glück, bei einem ergreifenden Musikstück oder aus Mitgefühl "nahe am Wasser gebaut" haben. Es geht nicht um Schwäche, sondern um eine ausgeprägte emotionale Resonanzfähigkeit.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant. Sie wird im alltäglichen Sprachgebrauch genutzt, um auf eine charmante und verständnisvolle Art emotionale Reaktionen zu beschreiben. In einer Zeit, in der das Sprechen über Gefühle und psychische Befindlichkeiten immer mehr an gesellschaftlicher Akzeptanz gewinnt, bietet diese Formulierung eine griffige, fast schon poetische Kurzcharakteristik. Sie findet sich in privaten Gesprächen, in der Literatur, in Filmkritiken ("ein Film für alle, die nahe am Wasser gebaut haben") und sogar in der Werbung. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in der modernen Interpretation: Heute versteht man die Redensart oft als Kompliment für Empathie und Einfühlungsvermögen, weniger als Makel.
Praktische Verwendbarkeit
Der Ausdruck eignet sich hervorragend für informelle bis semi-formelle Kontexte, in denen man die emotionale Seite eines Menschen beschreiben möchte, ohne dabei abwertend zu klingen. In einer lockeren Unterhaltung, in einer persönlichen Rede (etwa auf einer Hochzeit, um die Braut zu charakterisieren) oder in einem vertraulichen Gespräch ist sie perfekt platziert. Für eine offizielle Trauerrede oder ein sehr formelles Setting könnte sie hingegen als etwas zu salopp oder bildhaft empfunden werden. Gelungene Beispiele für den Gebrauch sind: "Entschuldigen Sie meine Tränen, ich habe einfach sehr nahe am Wasser gebaut" als elegante Rechtfertigung. Oder: "Bei solchen Dokumentationen über Tierkinder merke ich immer, wie nahe ich am Wasser gebaut habe." Man kann sie auch liebevoll über andere sagen: "Frag ihn nicht nach der Abschiedsszene in dem Film – er ist da sehr nahe am Wasser gebaut." Die Redewendung ist besonders geeignet, um Sensibilität mit einem Schmunzeln zu benennen und so eine warmherzige, verbindende Atmosphäre zu schaffen.
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