Es faustdick hinter den Ohren haben

Kategorie: Redewendungen

Es faustdick hinter den Ohren haben

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "es faustdick hinter den Ohren haben" stammt aus dem Mittelalter und ist eng mit der damaligen Volksmedizin und dem Aberglauben verbunden. Eine belegbare Theorie führt sie auf die Praxis der sogenannten "Beulenärzte" zurück. Diese behandelten unter anderendie Beulenpest, bei der sich dicke, faustgroße Geschwüre, insbesondere an den Lymphknoten am Hals hinter den Ohren, bildeten. Wer solche Beulen hatte, war also sichtlich und schwer krank. Im übertragenen Sinne übertrug sich diese äußerlich sichtbare "Dicke" auf den Charakter: Jemand, der "es faustdick hinter den Ohren hat", trägt demnach unsichtbar, aber in ähnlich massiver Form, eine Portion Durchtriebenheit oder List in sich. Eine andere Erklärung bezieht sich auf die mittelalterliche Vorstellung, dass sich hinterlistige Gedanken oder Falschheit im Kopf sammeln und dort geradezu körperlich als dicke Masse wachsen könnten, wiederum an der besagten Stelle. Die Redensart ist seit dem 16. Jahrhundert in ähnlicher Form schriftlich belegt.

Bedeutungsanalyse

Wer "es faustdick hinter den Ohren hat", der ist nicht auf den Kopf gefallen, sondern im Gegenteil besonders schlau, durchtrieben oder gerissen. Die Bedeutung zielt auf eine listige Intelligenz ab, die oft mit einer Portion Hinterlist oder zumindest mit der Fähigkeit einhergeht, die eigenen Interessen sehr geschickt und manchmal auf Kosten anderer durchzusetzen. Wörtlich genommen beschreibt die Formulierung eine körperliche Eigenschaft: eine faustdicke Schwellung hinter den Ohren. Übertragen steht diese "Dicke" für ein großes Maß an Schlauheit, die man einer Person jedoch nicht unbedingt auf den ersten Blick ansieht. Ein typisches Missverständnis ist die Annahme, die Redewendung bedeute einfach nur "dumm" oder "ungebildet". Das Gegenteil ist der Fall. Es geht um eine ausgeprägte, oft praktische und manchmal auch zweifelhafte Klugheit. Kurz gesagt: Die Person ist ein Fuchs, kein Trottel.

Relevanz heute

Die Redewendung ist auch in der modernen Sprache absolut lebendig und wird regelmäßig verwendet. Ihre Relevanz bleibt bestehen, weil das Phänomen, das sie beschreibt – nämlich Menschen, die besonders gerissen oder clever agieren – zeitlos ist. Sie findet sich in politischen Kommentaren, in der Wirtschaftsberichterstattung ("Die Verhandlungsführer der Konkurrenz haben es faustdick hinter den Ohren") oder in der Alltagskommunikation, um das geschickte Verhalten von Kollegen, Freunden oder auch Figuren in Serien und Büchern zu beschreiben. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in abgewandelten, moderneren Formulierungen nieder, die denselben Kern treffen, wie "der ist nicht ohne" oder "der hat einiges auf dem Kasten". Die bildhafte Kraft der originalen Redensart verleiht einer Aussage jedoch nach wie vor eine besondere Pointierung und Tiefe.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redewendung ist vielseitig einsetzbar, jedoch durch ihre leicht respektlose und saloppe Note klar im Bereich der informellen Kommunikation angesiedelt. Sie eignet sich hervorragend für lockere Gespräche unter Freunden, in einer kollegialen Runde oder in einem unterhaltsamen Vortrag, um eine Aussage aufzulockern. In einer offiziellen Trauerrede, einem diplomatischen Schreiben oder einem förmlichen Geschäftsbericht wirkt sie dagegen unpassend und deplatziert.

Sie kann sowohl anerkennend als auch kritisch gemeint sein, der Tonfall und Kontext entscheiden darüber. Ein anerkennendes Beispiel wäre: "Lass dich von seiner ruhigen Art nicht täuschen – in geschäftlichen Dingen hat er es faustdick hinter den Ohren." Ein kritischerer Unterton schwingt hier mit: "Sie hat es faustdick hinter den Ohren und man sollte sich gut überlegen, ob man ihr blind vertraut." Für Autoren ist die Wendung ein treffendes Stilmittel zur Charakterisierung einer Figur. Ein Satz wie "Professor Lichtenberg war nicht nur gelehrt, er hatte es auch faustdick hinter den Ohren" vermittelt dem Leser sofort ein sehr klares Bild von den Fähigkeiten dieser Person.

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