Das ist weit hergeholt
Kategorie: Redewendungen
Das ist weit hergeholt
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft der Redewendung "Das ist weit hergeholt" ist nicht in allen Details zweifelsfrei belegbar. Es existieren jedoch zwei starke und plausible Theorien, die von Sprachhistorikern favorisiert werden. Beide führen uns in die Welt des mittelalterlichen Handels und der Ressourcenbeschaffung.
Die erste und wahrscheinlichste Erklärung bezieht sich auf die Beschaffung von Waren. In einer Zeit ohne globale Logistik waren Güter, die von weit entfernten Orten ("weit her") importiert werden mussten, selten, teuer und oft unnötig umständlich. Etwas "herzuholen" bedeutete, es mühsam zu beschaffen. Eine Argumentation, die auf solch entlegenen, exotischen Beispielen basierte, galt daher als unnötig kompliziert und wenig überzeugend – sie war "weit hergeholt".
Die zweite Theorie führt den Ursprung auf die Praxis des Holz- oder Wasserschöpfens zurück. Wenn jemand Wasser aus einer weit entfernten Quelle holte, anstatt den nahen Brunnen zu nutzen, handelte er unsinnig und ineffizient. Diese bildhafte Handlung übertrug sich auf Gedankengänge, die umständliche und wenig naheliegende Verbindungen ziehen.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung "Das ist weit hergeholt" ist eine klare Kritik an der Schlüssigkeit eines Arguments oder einer Begründung. Wörtlich genommen beschreibt sie den mühsamen Akt, etwas von einem entfernten Ort zu besorgen. In der übertragenen, heute allein gültigen Bedeutung wirft man seinem Gesprächspartner vor, dass seine Argumentation nicht logisch oder natürlich aus der Sache folgt.
Der Vorwurf impliziert, dass die Verbindung zwischen Ursache und Behauptung zu groß ist, die Beweisführung zu umständlich und die zugrunde gelegte Prämisse zu abseitig. Es handelt sich nicht um ein direktes "das ist falsch", sondern vielmehr um ein "dieser Gedankensprung ist unplausibel, konstruiert und nicht nachvollziehbar". Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Wendung mit "das ist übertrieben" gleichzusetzen. Während Übertreibung eine Steigerung des Naheliegenden ist, kritisiert "weit hergeholt" den Mangel an Naheliegendem. Eine andere Fehlinterpretation wäre, sie als Kompliment für eine kreative Idee zu sehen – im Gebrauch ist sie fast ausschließlich negativ konnotiert.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute absolut lebendig und relevant. Sie hat sogar an Bedeutung gewonnen, da wir in einer Zeit leben, die von schneller Informationsverbreitung und oft oberflächlicher Argumentation geprägt ist. In Diskussionen über Politik, Gesellschaftswissenschaften, aber auch im alltäglichen Meinungsaustausch in sozialen Medien oder am Arbeitsplatz dient sie als präzises Werkzeug.
Besonders häufig begegnet uns die Phrase in analytischen Kontexten: Journalisten oder Faktenchecker nutzen sie, um haltlose Verschwörungstheorien oder logische Fehlschlüsse zu kennzeichnen. In der wissenschaftlichen oder betrieblichen Debatte weist sie auf schwache Indizien oder unzulässige Analogien hin. Die Brücke zur digitalen Gegenwart schlägt sich auch in der Verwendung in Online-Diskussionen, etwa in Foren oder Kommentarspalten, wo sie als kurze, prägnante Widerlegung von als absurd empfundenen Schlussfolgerungen dient.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich für formelle und informelle Kontexte gleichermaßen, solange der Ton sachlich-kritisch bleibt. Sie ist weniger für eine feierliche Trauerrede geeignet, passt aber hervorragend in eine sachliche Debatte, einen kritischen Vortrag, eine Besprechung oder ein anspruchsvolleres Alltagsgespräch.
In salopper oder flapsiger Jugendsprache würde man eher Ausdrücke wie "Das ist aber jetzt random" oder "Wo nimmst du das denn her?" verwenden. "Weit hergeholt" klingt etwas reflektierter und ist daher ideal, um in einer Diskussion den Vorwurf der Unlogik zu erheben, ohne persönlich beleidigend zu werden. Sie zielt auf die Sache, nicht auf die Person.
Hier finden Sie konkrete Beispiele für gelungene Sätze:
- In einer Projektbesprechung: "Ihre Schlussfolgerung, dass das Team unmotiviert ist, nur weil der Kaffee alle ist, finde ich dann doch etwas weit hergeholt."
- In einem politischen Kommentar: "Der Vergleich der geplanten Verkehrsberuhigung mit einer Diktatur ist historisch unverantwortlich und argumentativ weit hergeholt."
- In einer privaten Diskussion: "Deine Theorie, dass der Nachbar deinen verlorenen Schlüssel versteckt hat, weil er neulich komisch geguckt hat, ist aber sehr weit hergeholt. Hast du vielleicht einfach nur eine andere Jacke angehabt?"
Verwenden Sie die Redensart also immer dann, wenn Sie auf eine argumentative Lücke, einen unzulässigen Rückschluss oder eine besonders abwegige Begründung hinweisen möchten. Sie ist der sprachliche Äquivalent zum Augenrollen, aber in eloquenter und treffender Form.
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