Über die Schnur hauen
Kategorie: Redewendungen
Über die Schnur hauen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "über die Schnur hauen" stammt aus der handwerklichen Welt des Zimmermanns. Die "Schnur" bezieht sich hier auf die mit Farbpigmenten (meist Kreide) gefüllte Reiß- oder Richtschuur. Beim Abreißen markiert diese Schnur eine absolut gerade Linie auf dem Holz, die als präzise Schnitt- oder Bearbeitungsmarkierung dient. Wer "über die Schnur haut", der schlägt mit seiner Axt oder seinem Beil über diese Markierung hinaus und verfehlt somit das eigentliche Ziel. Der Schnitt wird unsauber, das Werkstück kann unbrauchbar werden. Diese handfeste, praktische Erfahrung aus dem Mittelalter übertrug sich schon früh auf das menschliche Verhalten. Erstmals schriftlich belegt ist die Redensart im 16. Jahrhundert, etwa in den Sprichwörtersammlungen von Sebastian Franck, wo sie im übertragenen Sinn für ein Verfehlen des rechten Maßes verwendet wurde.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung den handwerklichen Fehler, eine Markierungslinie zu verfehlen. Im übertragenen, heute ausschließlich gebräuchlichen Sinn bedeutet sie, über das Ziel hinauszuschießen, sich zu weit aus dem Fenster zu lehnen oder die Grenzen des Erlaubten und Angemessenen zu überschreiten. Es geht um ein Zuviel, um eine Übertreibung oder um ein ungebührliches Verhalten. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die "Schnur" mit einer Leine oder einem Seil zum Spannen zu verwechseln. Entscheidend ist jedoch der Aspekt der präzisen Mess- und Richtlinie. Die Redensart kritisiert nicht einfach einen Fehler, sondern speziell die Abweichung von einer klar definierten Norm oder Regel. Sie impliziert, dass es eine erkennbare Grenze gab, die mutwillig oder fahrlässig ignoriert wurde.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor lebendig und wird in der Alltagssprache sowie in den Medien regelmäßig verwendet. Ihre Relevanz ist ungebrochen, da das Thema, Grenzen zu überschreiten, zeitlos ist. Man findet sie häufig in politischen Kommentaren, wenn es um exzessive Forderungen, übertriebene Polemik oder gesetzeswidriges Handeln geht. In der Wirtschaftsberichterstattung taucht sie auf, wenn Unternehmen mit riskanten Spekulationen oder überzogenen Marketingversprechen "über die Schnur hauen". Auch im privaten Bereich ist sie ein geläufiger Vorwurf, wenn jemand in einer Diskussion zu persönlich wird, eine Neckerei zu weit treibt oder die Geduld seines Gegenübers überstrapaziert. Sie dient als prägnante Metapher für ein Verhalten, das die akzeptierten Spielregeln verlässt.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für Situationen, in denen Sie eine Grenzüberschreitung benennen möchten, ohne allzu drastische oder vulgäre Ausdrücke zu verwenden. Sie hat eine leicht handwerkliche, dadurch aber bildhafte und eingängige Qualität.
In einem lockeren Vortrag oder einem gesellschaftlichen Gespräch wirkt sie treffend und nicht zu formal. In einer offiziellen Rede oder gar einer Trauerrede wäre sie hingegen zu salopp und umgangssprachlich. Für formelle Anlässe wählen Sie besser Alternativen wie "das Maß überschreiten" oder "die Grenzen des Zumutbaren verlassen".
Hier finden Sie einige Beispiele für den gelungenen Einsatz:
- "Mit dieser polemischen Aussage hat der Politiker in der Debatte dann doch deutlich über die Schnur gehauen."
- "Ich finde deine Kritik berechtigt, aber mit deinem letzten Kommentar bist du meiner Meinung nach über die Schnur gehauen."
- "Der Verlag hat mit diesen irreführenden Werbeversprechen eindeutig über die Schnur gehauen und damit das Vertrauen der Leser verspielt."
- "Ein wenig Spaß ist erlaubt, aber jetzt haut ihr mit den Streichen langsam über die Schnur."
Nutzen Sie die Redensart also dort, wo Sie aufzeigen möchten, dass eine klar erkennbare Linie der Fairness, des Anstands oder der Vereinbarung überschritten wurde. Sie ist der perfekte sprachliche Wink mit dem Zaunpfahl, um auf ein Fehlverhalten hinzuweisen.
Mehr Redewendungen
- Abwarten und Tee trinken
- Ach du grüne Neune!
- Alles über einen Kamm scheren
- Alte Zöpfe abschneiden
- Alter Schwede
- Am Hungertuch nagen
- Ans Eingemachte gehen
- Äpfel mit Birnen vergleichen
- Auf keinen grünen Zweig kommen
- Den Ball flach halten
- Den Faden verlieren
- Den Löffel abgeben
- Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen
- Der springende Punkt
- Einen Zahn zulegen
- Es faustdick hinter den Ohren haben
- Hieb und stichfest
- Holzauge sei wachsam
- Im siebten Himmel sein
- In den sauren Apfel beißen
- Jemandem aufs Dach steigen
- Jemandem einen Bären aufbinden
- Jemandem einen Denkzettel verpassen
- Jemanden an die Wand stellen
- Kein Blatt vor den Mund nehmen
- 950 weitere Redewendungen