Über den Jordan gehen

Kategorie: Redewendungen

Über den Jordan gehen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "über den Jordan gehen" besitzt eine biblische Herkunft, die sich klar belegen lässt. Sie bezieht sich auf den Fluss Jordan, der im Alten Testament als bedeutende Grenze beschrieben wird. Für das Volk Israel stellte der Jordan die letzte Hürde dar, bevor es nach langen Jahren der Wanderschaft das "Gelobte Land" Kanaan erreichte. Die erste und prägende Erwähnung dieses Übergangs findet sich im Buch Josua. Nach dem Tod Moses führte Josua die Israeliten trockenen Fußes durch das geteilte Wasser des Jordans, was den Beginn einer neuen Epoche markierte. In diesem ursprünglichen Kontext war das "Über-den-Jordan-Gehen" also ein Akt des Übergangs in ein verheißenes, besseres Leben.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich beschreibt die Redewendung die Handlung, einen bestimmten Fluss namens Jordan zu überqueren. In der übertragenen Bedeutung hat sie sich jedoch vollständig gewandelt und bezeichnet heute ausschließlich das Sterben oder den Tod. Es handelt sich um eine verhüllende, metaphorische Umschreibung, ähnlich wie "von uns gehen" oder "das Zeitliche segnen". Ein typisches Missverständnis könnte entstehen, wenn jemand die biblisch-positive Konnotation des Aufbruchs ins Gelobte Land auf die heutige Verwendung überträgt. Während der biblische Übergang ein freudiges Ziel hatte, ist die moderne Redensart neutral bis leicht salopp und fokussiert allein auf den Akt des Dahinscheidens, ohne ein Werturteil über das, was danach kommt, zu fällen. Kurz gesagt: Sie bedeutet schlicht "sterben".

Relevanz heute

Die Redewendung ist auch in der Gegenwart noch durchaus geläufig, allerdings mit einer deutlichen Einschränkung. Sie wird fast nie in offiziellen oder tröstenden Kontexten wie Traueranzeigen oder Beileidsbekundungen verwendet. Stattdessen lebt sie vor allem in der Alltagssprache, in historischen Erzählungen, in der Literatur oder in filmischen Dialogen weiter. Oft schwingt dabei ein altertümlicher oder leicht derber Ton mit. Man findet sie beispielsweise in Western, in denen ein Charakter seinen Gegner "über den Jordan schickt". Ihre Relevanz liegt also weniger in der aktiven, einfühlsamen Kommunikation über den Tod, sondern mehr als feststehender, teilweise klischeehafter sprachlicher Ausdruck, der eine gewisse Bildhaftigkeit und Dramatik besitzt.

Praktische Verwendbarkeit

Die Anwendung dieser Formulierung erfordert Fingerspitzengefühl, da sie je nach Situation als unpassend oder taktlos empfunden werden kann. Sie eignet sich überhaupt nicht für feierliche Anlässe wie Trauerreden, tröstende Gespräche mit Hinterbliebenen oder seriöse Nachrufe. Hier wäre sie zu salopp, zu hart und respektlos. Passend ist sie hingegen in lockeren, informellen Erzählungen, etwa wenn man in einer Anekdote über einen verstorbenen Bekannten spricht, mit dem man auf humorvolle Weise verbunden war. Auch in kreativen Kontexten wie in einem Roman-Dialog, in einem Bühnenstück oder in einem historischen Vortrag kann sie Stimmung verleihen. Sie fungiert oft als eine Art Euphemismus, der die direkte Nennung des Todes umschifft, aber dennoch deutlich ist.

Gelungene Beispiele für Sätze wären:

  • "Der alte Kater ist leider letzte Woche friedlich über den Jordan gegangen."
  • "In dem Film von 1962 schickt der Held den Schurken mit einem gezielten Schuss über den Jordan."
  • "Mein Großvater pflegte zu sagen: 'Irgendwann muss jeder mal über den Jordan.'"

Für einen lockeren Vortrag über alte Redensarten ist die Phrase ein perfektes Beispiel. In einem ernsten Gespräch über Verlust und Trauer sollten Sie sie jedoch unbedingt vermeiden und zu einfühlsameren Formulierungen greifen.

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