Seinen Obolus entrichten
Kategorie: Redewendungen
Seinen Obolus entrichten
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "seinen Obolus entrichten" führt uns direkt in die Welt der griechischen Antike. Der Obolus war eine kleine, silberne Münze, die im alten Griechenland als Zahlungsmittel im Alltag diente. Seine historisch bedeutendste und belegbare Funktion war jedoch die als sogenanntes "Fährgeld". Der Glaube besagte, dass die Seele eines Verstorbenen den Fluss Styx oder Acheron überqueren musste, um in den Hades, die Unterwelt, zu gelangen. Dem Fährmann Charon war für diese Überfahrt ein Obolus als Lohn zu zahlen. Daher wurde den Toten häufig eine Münze, eben dieser Obolus, in den Mund oder auf die Augen gelegt, damit sie die Reise bezahlen konnten. Diese Praxis ist durch archäologische Funde und literarische Quellen, etwa bei Aristophanes, gut dokumentiert. Die übertragene Bedeutung, einen kleinen finanziellen Beitrag zu leisten, entwickelte sich aus dieser ursprünglichen, sehr konkreten Verwendung.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich bedeutet die Redewendung, eine bestimmte antike Münze zu bezahlen. In der heutigen übertragenen Verwendung meint man damit, einen meist eher kleinen oder symbolischen finanziellen Beitrag für eine gemeinsame Sache, eine Sammlung oder eine Veranstaltung zu leisten. Es handelt sich um eine elegante, leicht bildhafte Umschreibung für "seinen Teil beisteuern". Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es handle sich um eine große oder erzwungene Zahlung. Ganz im Gegenteil: Der Obolus ist von seiner Natur her klein und der Akt des "Entrichtens" klingt zwar formell, beinhaltet aber oft eine freiwillige oder erwartete Geste der Solidarität. Kurz gesagt: Man beteiligt sich mit einem angemessenen Betrag an den Kosten, ohne dass dies eine existenzielle Belastung darstellt.
Relevanz heute
Die Redewendung ist auch in der modernen Sprache durchaus noch lebendig, wenn auch in einem eher gehobenen oder bewusst stilisierten Kontext. Sie wird nicht im alltäglichen Smalltalk verwendet, findet aber regelmäßig Anwendung in schriftlichen und mündlichen Situationen, die einen gewissen sprachlichen Anspruch haben. Ihre Relevanz zeigt sich besonders dort, wo es um kollektive Finanzierungen geht: bei Benefizveranstaltungen, in Vereinen, bei gemeinsamen Geschenken im Kollegenkreis oder bei Sammlungen für einen guten Zweck. Sie schlägt eine direkte Brücke von den antiken Totenkulten zu modernen Formen der Gemeinschaftsbildung durch finanzielle Beteiligung. Selbst in der digitalen Welt, etwa bei Crowdfunding-Aktionen, könnte man scherzhaft sagen, jeder Unterstützer entrichte seinen Obolus für das Projekt.
Praktische Verwendbarkeit
Die Formulierung eignet sich hervorragend für formelle bis semi-formelle Anlässe, bei denen man eine Zahlung sprachlich veredeln oder ihr eine historische Note verleihen möchte. In einer Trauerrede wäre sie aufgrund ihres Ursprungs zwar thematisch passend, aber möglicherweise zu distanziert oder zu sehr verschlüsselt. Besser aufgehoben ist sie in folgenden Kontexten:
- Bei der Ankündigung einer Sammlung im Verein: "Ich bitte Sie alle, im Vorbeigehen Ihren Obolus in die bereitstehende Sammelbüchse zu entrichten."
- In einer Einladung zu einem gemeinsamen Essen: "Für Getränke bitten wir Sie, einen kleinen Obolus an der Bar zu entrichten."
- In einem lockeren Vortrag oder Artikel über Gemeinschaftsprojekte: "Jeder kann mit seinem Obolus dazu beitragen, dass dieses Vorhaben Wirklichkeit wird."
Zu salopp oder flapsig wäre die Redewendung in sehr informellen, jugendsprachlichen oder geschäftlich harten Verhandlungen, wo schlichte Begriffe wie "Beitrag", "Kostenbeteiligung" oder "einen Euro dazulegen" angebrachter sind. Ein gelungenes Beispielsatz für eine E-Mail zur Organisation eines Abschiedsgeschenks lautet: "Damit wir unserem scheidenden Kollegen ein angemessenes Präsent überreichen können, möchten wir Sie bitten, Ihren Obolus bis Freitag bei mir zu entrichten."
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