Mit der Kirche ums Dorf gehen
Kategorie: Redewendungen
Mit der Kirche ums Dorf gehen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Mit der Kirche ums Dorf gehen" ist ein sehr altes Sprichwort, dessen genauer Ursprung nicht mehr lückenlos belegt werden kann. Es wird jedoch allgemein angenommen, dass es aus dem ländlichen Leben des Mittelalters oder der frühen Neuzeit stammt. Die Kirche war der zentrale Punkt eines jeden Dorfes, und Prozessionen an hohen Feiertagen führten oftmals um das gesamte Dorf herum, um es symbolisch zu segnen. Wer also "mit der Kirche ums Dorf ging", nahm an diesem offiziellen, aber auch sehr umständlichen und langwierigen Umweg teil. Eine andere Deutung verweist auf den Brauch, Verstorbene von der Kirche aus auf einem weiten Weg um das Dorf zum Friedhof zu tragen, was ebenfalls einen unnötigen Umweg darstellen konnte. Die Redensart ist somit ein Bild für eine umständliche, ineffiziente Vorgehensweise, bei der man den direkten Weg meidet.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung die Teilnahme an einer kirchlichen Prozession, die einen großen Bogen um die Siedlung macht. Im übertragenen Sinn kritisiert man damit eine Handlungsweise, die absichtlich oder unabsichtlich kompliziert, weitschweifig und voller Umwege ist. Es geht um das Gegenteil von Effizienz und Direktheit. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung mit Gemeinschaft oder Frömmigkeit in Verbindung zu bringen. Das ist aber nicht der Kern. Vielmehr steht die Kritik im Vordergrund: Man tut etwas auf die umständlichste denkbare Art und Weise. Es ist ein sprichwörtlicher Kopfschütteln über jemanden, der "einen Umweg macht, wo eine gerade Straße ist".
Relevanz heute
Die Redewendung ist auch in der modernen Sprache durchaus noch lebendig, wenn auch vielleicht nicht mehr im allerhäufigsten Gebrauch. Sie findet ihre Relevanz überall dort, wo bürokratische Hürden, überkomplizierte Pläne oder einfach nur eine merkwürdige Logik zu beobachten sind. Ob in der Kritik an behördlichen Vorgängen, in der Beschreibung eines schlecht strukturierten Projektes oder im spaßigen Vorwurf an einen Freund, der eine einfache Erklärung unnötig in die Länge zieht – das Bild vom Kirchenumgang funktioniert immer noch ausgezeichnet. Es schlägt eine Brücke von der historischen Dorfgemeinschaft zur heutigen Projektarbeit oder Verwaltung, in der "der direkte Weg" oft erstrebenswert ist.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für lockere bis sachliche Kritik in Gesprächen, Meetings oder auch in schriftlichen Kommentaren. Sie ist leicht verständlich, bildhaft und transportiert die Botschaft ohne persönliche Beleidigung. In einer formellen Trauerrede oder einer sehr offiziellen Ansprache könnte sie hingegen zu salopp wirken. Ideal ist sie in Situationen, in denen man Ineffizienz mit einem Schmunzeln benennen möchte.
Hier finden Sie einige Beispiele für gelungene Sätze:
- "Warum stellen Sie den Antrag nicht direkt beim Amt? Mit Ihrer jetzigen Methode gehen Sie ja mit der Kirche ums Dorf."
- "Unser neuer Geschäftsprozess ist leider ein klassisches Beispiel dafür, mit der Kirche ums Dorf zu gehen. Wir brauchen sieben Unterschriften, wo zwei genügen würden."
- "Erklär es mir bitte einfach. Du gehst sonst mit der Kirche ums Dorf, und ich verstehe am Ende doch nur Bahnhof."
- In einem Projektfeedback: "Der gewählte Lösungsansatz ist sehr umfänglich. Haben wir geprüft, ob wir hier nicht etwas mit der Kirche ums Dorf gehen?"
Sie können die Redensart also verwenden, um freundlich auf Umständlichkeiten hinzuweisen, sei es im beruflichen Kontext oder im privaten Kreis, wenn jemand eine einfache Sache unnötig verkompliziert.
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