Mit dem ist es nicht weit her

Kategorie: Redewendungen

Mit dem ist es nicht weit her

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Mit dem ist es nicht weit her" stammt aus dem Bereich des Messens und Wiegens. Ihr Ursprung liegt im mittelalterlichen Marktgeschehen. Wenn ein Händler nur eine geringe Menge einer Ware vorrätig hatte, konnte er sie nicht "weit herholen", also nicht aus großer Entfernung oder aus bedeutenden Quellen beziehen. Die Ware war knapp und die Auswahl begrenzt. Dieser sehr konkrete, wirtschaftliche Kontext wurde im Laufe der Zeit auf die Bewertung von Fähigkeiten, Qualitäten oder Kenntnissen einer Person übertragen. Eine erste schriftliche Fixierung findet sich in den Werken von Martin Luther, der den Ausdruck im übertragenen Sinne verwendete, um geistige oder moralische Beschränktheit zu kennzeichnen.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich genommen beschreibt die Redensart einen Mangel an Reichweite oder Menge. Übertragen bedeutet sie, dass es mit den Fähigkeiten, dem Wissen, dem Verstand oder auch der Moral einer Person nicht besonders gut bestellt ist. Sie ist ein vergleichsweise höflicher, aber dennoch deutlicher Ausdruck der Geringschätzung. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung mit mangelnder räumlicher Mobilität zu verwechseln, also zu glauben, jemand reise nicht viel. Das ist jedoch nicht die Kernbedeutung. Vielmehr geht es um eine qualitative Einschätzung: Das "Nicht-weit-her-Sein" markiert eine innere Begrenztheit oder eine oberflächliche Kompetenz, die bei näherer Prüfung nicht standhält. Kurz gesagt: Wer diese Wendung zu hören bekommt, dessen geistiges oder charakterliches Potenzial wird als eher bescheiden eingestuft.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor lebendig und wird regelmäßig in der Alltagssprache, in journalistischen Kommentaren und in der Literatur verwendet. Ihre Relevanz zeigt sich besonders in einer Zeit, die von öffentlicher Selbstdarstellung und oft oberflächlicher Expertise geprägt ist. Sie bietet ein präzises sprachliches Werkzeug, um genau jene Diskrepanz zwischen Anschein und Wirklichkeit zu benennen. Ob in der Politik, wenn es um die Tiefe eines Arguments geht, im Berufsleben bei der Einschätzung eines Bewerbers oder in privaten Diskussionen über die Seriosität einer Quelle – die Wendung schlägt eine direkte Brücke von ihrer kaufmännischen Vergangenheit zur modernen Kritik an Halbwissen und mangelnder Substanz. Sie bleibt ein kluges und bildhaftes Mittel der Kritik.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redewendung eignet sich für formelle und informelle Kontexte, in denen man eine sachliche, aber deutliche Kritik äußern möchte. Sie ist weniger verletzend als eine direkte Beleidigung, transportiert die Botschaft jedoch unmissverständlich.

  • Geeignete Kontexte: Leitartikel, politische Analysen, Buchkritiken, Fachdiskussionen, persönliche Einschätzungen im vertrauten Kreis. In einer Trauerrede wäre sie unpassend, in einem lockeren Vortrag über aktuelle Trends jedoch durchaus denkbar, um etwa eine oberflächliche Mode zu charakterisieren.
  • Anwendungsbeispiele:
    • "Seine Kenntnisse in Mathematik sind leider nicht sehr fundiert. Mit dem ist es da nicht weit her."
    • "Der Kandidat wirkte im Gespräch sympathisch, aber inhaltlich war es mit seinen Lösungsvorschlägen nicht weit her."
    • "Man sollte seine Versprechungen nicht überbewerten. Bei genauerem Hinsehen ist es oft nicht weit her mit der angekündigten Revolution."

Sie sollten die Formulierung vermeiden, wenn Sie eine direkte, schroffe Konfrontation suchen oder wenn es um sehr emotionale und persönliche Vorwürfe geht. Hier wirkt sie vielleicht zu distanziert oder sogar ironisch. Ihr großer Vorteil liegt in der präzisen, fast schon diagnostischen Beschreibung eines Mangels an Tiefe oder Qualität.

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