Lügen wie gedruckt
Kategorie: Redewendungen
Lügen wie gedruckt
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Lügen wie gedruckt" entstand im 18. Jahrhundert und ist ein faszinierendes Zeugnis für das damals noch junge Misstrauen gegenüber der Presse. Ihre erste schriftliche Belegung findet sich in Johann Christoph Adelungs Wörterbuch "Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart" aus dem Jahr 1796. Adelung definierte sie als "in der vertraulichen Sprechart, so viel lügen, als man nur lügen kann". Der Kontext ist entscheidend: In einer Zeit, in der sich Zeitungen und Flugschriften rasch verbreiteten, machte die Bevölkerung die Erfahrung, dass auch gedruckte Texte keineswegs immer der Wahrheit entsprachen. Politischer Propaganda, sensationsheischenden Berichten und übler Nachrede begegnete man nun in massenhafter Verbreitung. Der Druck erschien vielen als Garant für Autorität und Wahrheit, doch die Realität zeigte, dass das gedruckte Wort ebenso täuschen konnte wie die mündliche Aussage. Die Redensart ist somit eine ironische und kritische Reaktion auf die neuen Medien der Aufklärungszeit.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen vergleicht die Redewendung das Lügen mit dem Vorgang des Druckens. Die übertragene Bedeutung ist jedoch vielschichtig. Sie bezeichnet nicht einfach eine beliebige Lüge, sondern eine besonders dreiste, unverschämte oder in schamloser Häufung vorgetragene Unwahrheit. Jemand, der "wie gedruckt lügt", tut dies mit der anmaßenden Sicherheit und scheinbaren Beweiskraft, als stünde seine Aussage schwarz auf weiß in einem Buch. Ein typisches Missverständnis liegt in der Annahme, es gehe um die Quantität oder Geschwindigkeit des Druckvorgangs. Vielmehr steht die Autorität des Mediums im Zentrum: Die Lüge wird mit der Seriosität vorgetragen, die man dem gedruckten Wort fälschlicherweise zuschreibt. Kurz gesagt: Es ist das Lügen mit der Attitüde unanfechtbarer Wahrheit.
Relevanz heute
Die Redewendung hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, im Gegenteil. In einer Ära der digitalen Desinformation, von "Fake News" und deepfakes, gewinnt sie sogar eine neue, potenzierte Bedeutung. Der moderne Nachfolger des gedruckten Blatts ist der geteilte Social-Media-Post oder das viral gehende Video. Die Kernkritik bleibt identisch: Informationen, die durch ein massenhaft verbreitetes Medium autoritativ erscheinen, können gezielte Falschaussagen sein. Wenn Sie heute sagen, jemand "lüge wie gedruckt", dann machen Sie also nicht nur eine historische Floskel geläufig, sondern treffen eine hochaktuelle Aussage über die Glaubwürdigkeitskrise moderner Informationskanäle. Die Brücke zur Gegenwart ist somit direkt geschlagen.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung ist ausgesprochen lebhaft und bildhaft, aber durch ihre Schärfe kontextsensibel einzusetzen. Sie eignet sich hervorragend für lockere Gespräche unter Freunden, in politischen Kommentaren oder in kritischen Analysen, wo die Dreistigkeit einer Falschaussage betont werden soll. In einer formellen Trauerrede oder einem diplomatischen Schreiben wäre sie hingegen völlig unangemessen und zu salopp.
Ihre Stärke entfaltet sie in Situationen, in denen die Diskrepanz zwischen Anmaßung und Wahrheit besonders eklatant ist. Gelungene Beispiele für den Gebrauch sind:
- "Die Verteidigungsstrategie des Angeklagten war eine einzige Aneinanderreihung von Ungereimtheiten – er hat gelogen wie gedruckt."
- "In der Debatte warf er seinem Kontrahenten vor, es mit den Fakten nicht so genau zu nehmen und 'wie gedruckt' zu lügen."
- "Der Artikel in dieser Zeitung ist voller haltloser Behauptungen. Das ist klassisch: Sie lügen wie gedruckt."
Nutzen Sie die Redensart also, wenn Sie nicht nur eine einfache Unwahrheit, sondern eine besonders dreist vorgetragene und systematische Falschinformation benennen möchten. Sie ist ein wirksames sprachliches Mittel für Kritik an Medien, Politikern oder auch im zwischenmenschlichen Bereich, sollte aber aufgrund ihrer Deutlichkeit mit Bedacht gewählt werden.
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