Mit allen Wassern gewaschen sein
Kategorie: Redewendungen
Mit allen Wassern gewaschen sein
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "mit allen Wassern gewaschen sein" stammt aus der Sprache der Seefahrer und Kaufleute des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Ihr Ursprung ist eindeutig im maritimen Handel zu verorten. Schiffe, die "mit allen Wassern gewaschen" waren, hatten zahlreiche Ozeane und Meere durchquert, von der Nordsee über das Mittelmeer bis hin zu fernen Gewässern. Diese Schiffe und vor allem ihre erfahrenen Kapitäne und Besatzungen hatten folglich alle denkbaren Situationen erlebt: Stürme, Piraten, schwierige Handelsverhandlungen in fremden Häfen und das Navigieren unter verschiedensten Bedingungen. Sie galten als besonders abgehärtet, gerissen und weltgewandt. Ein solcher Seemann war durch nichts mehr zu erschüttern und kannte jeden Trick. Diese konkrete, belegbare Herkunft aus der Praxis der Hochseeschifffahrt bildet die solide Grundlage für die heutige übertragene Bedeutung.
Bedeutungsanalyse
Im wörtlichen Sinne beschreibt die Redewendung einen Gegenstand oder eine Person, die buchstäblich mit Wasser aus allen Weltmeeren gereinigt wurde. Die übertragene Bedeutung hat sich jedoch deutlich verschoben und vertieft. Heute bezeichnet man eine Person als "mit allen Wassern gewaschen", wenn sie äußerst gewitzt, durchtrieben und in allen Lebenslagen erfahren ist. Es geht um jemanden, der über große praktische Klugheit verfügt, der sich nicht so leicht übervorteilen lässt und der oft selbst eine gewisse Skrupellosigkeit oder zumindest eine sehr pragmatische, von Illusionen befreite Einstellung an den Tag legt. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung positiv mit "welterfahren" oder "gebildet" gleichzusetzen. Während Welterfahrheit mitschwingt, dominiert doch die Konnotation der gerissenen Durchsetzungsfähigkeit und der manchmal zweifelhaften Geschäftspraktiken. Es ist weniger ein Kompliment für intellektuelle Bildung, sondern eher eine Anerkennung (oder kritische Betrachtung) von schlauer, oft auch listiger Lebensklugheit.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor hochaktuell und wird in der Alltagssprache sowie in den Medien regelmäßig verwendet. Ihre Relevanz erklärt sich aus der universellen Beschreibung eines bestimmten Menschentyps, der in jeder Epoche und in jedem Berufsfeld zu finden ist. Ob in der Politik, in der Wirtschaft, im Sportbusiness oder im gesellschaftlichen Leben – überall trifft man auf Personen, die man als "mit allen Wassern gewaschen" charakterisieren kann. Die Formulierung bietet eine griffige, bildhafte Kurzcharakteristik für Menschen, die sich in schwierigen Verhandlungen, in Konflikten oder in undurchsichtigen Situationen souverän behaupten. Sie schlägt somit eine direkte Brücke von der Zeit der Hansekaufleute zur modernen globalisierten und von harten Wettbewerbsbedingungen geprägten Welt. Die Redewendung hat nichts von ihrer Aussagekraft verloren, da das Phänomen, das sie beschreibt, zeitlos ist.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für lebhafte Beschreibungen in informellen Gesprächen, in Kommentaren oder in journalistischen Texten. Sie verleiht einer Charakterisierung Farbe und Tiefe. In einer offiziellen Trauerrede oder in einem sehr formellen diplomatischen Schreiben könnte sie hingegen zu salopp oder sogar abwertend wirken, es sei denn, man nutzt sie bewusst mit einem zwinkernden Unterton über den Verstorbenen.
Sie können sie ideal in folgenden Kontexten einsetzen:
- In einem lockeren Vortrag über Verhandlungstaktiken: "Um in dieser Branche zu bestehen, muss man leider oft mit allen Wassern gewaschen sein."
- In einer persönlichen Einschätzung über einen Geschäftspartner: "Lassen Sie sich von seinem charmanten Lächeln nicht täuschen – der Mann ist mit allen Wassern gewaschen und kennt jede Klausel im Vertrag."
- In einem politischen Kommentar: "Die Ministerin hat sich in den Koalitionsverhandlungen einmal mehr als mit allen Wassern gewaschen erwiesen."
- In einem Roman oder einer Erzählung zur Figurenzeichnung: "Onkel Bertram war ein mit allen Wassern gewaschener Händler, dem so schnell niemand etwas vormachen konnte."
Die Redewendung ist also perfekt für Situationen, in denen Sie jemandes gewitzte, robuste und manchmal auch trickreiche Art auf den Punkt bringen möchten, ohne dabei eine explizit moralische Wertung vorzunehmen. Der Tonfall und der Kontext entscheiden, ob die Aussage anerkennend oder eher kritisch gemeint ist.
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