Krokodilstränen weinen
Kategorie: Redewendungen
Krokodilstränen weinen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Vorstellung, dass Krokodile weinen, während sie ihre Beute verschlingen, ist sehr alt und findet sich in Reiseberichten aus dem späten Mittelalter. Der englische Reisende Sir John Mandeville schrieb bereits im 14. Jahrhundert in seinen oft fantastischen "Reisen", dass Krokodile über ihre Opfer weinten, bevor sie sie fraßen. Diese Darstellung verbreitete sich in Europa und wurde in verschiedenen literarischen Werken aufgegriffen. Der entscheidende Schritt zur festen Redewendung im Deutschen erfolgte jedoch durch den Einfluss des lateinischen Sprichworts "lacrimae crocodili" (Krokodilstränen), das seinerseits auf antike Naturbeschreibungen zurückgeht. Die Redensart etablierte sich im deutschen Sprachgebrauch spätestens im 16. Jahrhundert als bildhafte Beschreibung für geheuchelte Trauer.
Bedeutungsanalyse
Wer "Krokodilstränen weint", zeigt nach außen hin Trauer, Mitleid oder Reue, die er in Wirklichkeit nicht empfindet. Es handelt sich um eine bewusste Täuschung, um andere zu täuschen, Sympathie zu erhaschen oder von den eigenen wahren Absichten abzulenken. Wörtlich genommen würde es bedeuten, dass jemand Tränen vergießt wie das sagenumwobene Krokodil. Der übertragene Kern der Redewendung liegt in der Heuchelei und der emotionalen Falschheit. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, es handele sich einfach um übertriebene oder theatralische Trauer. Der entscheidende Punkt ist jedoch die Unaufrichtigkeit. Die Tränen sind nicht echt, sondern ein berechnendes Mittel zum Zweck.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant. Sie wird in nahezu allen Kontexten verwendet, in denen es um den Verdacht oder den Nachweis von Heuchelei geht. In der politischen Berichterstattung ist sie ein gängiger Begriff, um scheinbar betroffene Reaktionen von Personen des öffentlichen Lebens zu kommentieren. In sozialen Medien oder im zwischenmenschlichen Gespräch dient sie als prägnante Beschreibung für unehrliches Verhalten. Die Brücke zur Gegenwart ist einfach zu schlagen, da das Phänomen der vorgetäuschten Emotionen – ob aus Höflichkeit, Kalkül oder Schadenfreude – zeitlos menschlich ist. Die bildhafte Wendung macht dieses abstrakte Konzept sofort begreifbar.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung ist vielseitig einsetzbar, jedoch stets mit einer kritischen oder anklagenden Konnotation. Sie eignet sich hervorragend für lockere Vorträge, Kommentare oder Alltagsgespräche, in denen man eine gewisse Schärfe und Bildhaftigkeit sucht. In einer formellen Trauerrede wäre sie hingegen völlig unangebracht und respektlos, es sei denn, man zielte bewusst auf eine scharfe Anklage ab. Auch in einem sachlichen Bericht oder einer neutralen Analyse kann sie zu salopp wirken.
Gelungene Beispiele für den Gebrauch sind:
- "Nach all den Skandalen weint der Konzernchef nun Krokodilstränen und verspricht Besserung. Glaubwürdig ist das nicht."
- "Er bat um Verzeihung, aber für mich waren das nur Krokodilstränen. Seine Taten sprechen eine andere Sprache."
- In einem geselligen Gespräch: "Ach, hör auf mit diesen Krokodilstränen! Du hast dich ja doch insgeheim gefreut, dass dein Konkurrent den Auftrag nicht bekommen hat."
Sie ist besonders geeignet, wenn Sie Zweifel an der Aufrichtigkeit einer Entschuldigung oder einer Trauerbekundung ausdrücken möchten. Verwenden Sie die Redensart also dort, wo es um den Kontakt zwischen gezeigtem Gefühl und tatsächlicher Intention geht.
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