Jemand ist ein armes Schwein
Kategorie: Redewendungen
Jemand ist ein armes Schwein
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft der Redewendung "ein armes Schwein" ist nicht mit letzter Sicherheit auf ein einzelnes Ereignis zurückzuführen. Es existieren jedoch zwei starke und gut belegbare Theorien, die sich gegenseitig ergänzen. Die erste Theorie führt uns ins 19. Jahrhundert und zu den Schützenfesten. Damals war es üblich, dass der schlechteste Schütze als Trostpreis ein lebendes Schwein erhielt. Dieses Tier war zwar materiell wertvoll, bedeutete für den "Gewinner" aber auch eine beträchtliche Last: Es musste gefüttert, untergebracht und versorgt werden. Der vermeintliche Glückspilz wurde so oft zum bemitleidenswerten Objekt, zum "armen Schwein".
Die zweite, ältere Spur führt in den Bereich der Schlachtung. Das Schwein galt lange als Inbegriff des Wohlstands und der Vorsorge. Ein "armes Schwein" war im wörtlichen Sinne ein kümmerliches, unterernährtes Tier, das für den Besitzer keinen wirtschaftlichen Wert darstellte. Diese bildhafte Vorstellung von Mangel und Bedauern übertrug sich leicht auf Menschen in einer ähnlich misslichen Lage. Beide Erklärungsansätze vereinen sich in der Kernidee: Ein Schwein, das eigentlich ein Symbol für Reichtum ist, befindet sich in einer erbärmlichen Situation – genau wie der Mensch, auf den die Redensart angewandt wird.
Bedeutungsanalyse
Wer als "armes Schwein" bezeichnet wird, ist nicht unbedingt finanziell bedürftig. Die Redewendung zielt vielmehr auf das Mitleid und das Bedauern ab, das eine Person aufgrund ihrer unglücklichen Umstände erregt. Im übertragenen Sinn beschreibt sie jemanden, dem es schlecht geht, der Pech hatte, ungerecht behandelt wurde oder dem man einfach leidtun muss. Es ist ein Ausdruck des Mitgefühls, der jedoch stets eine gewisse Distanz wahrt; man betrachtet das "Schwein" von außen.
Ein typisches Missverständnis liegt in der vermeintlichen Beleidigung. Während "Schwein" allein durchaus negativ konnotiert sein kann, wandelt der Zusatz "arm" die Bedeutung komplett ins Gegenteil. Es ist keine Beschimpfung, sondern eine (mitunter auch leicht patronisierende) Anteilnahme. Wörtlich genommen wäre es tatsächlich ein mageres oder bemitleidenswertes Nutztier. Übertragen steht es für einen Menschen, dem man das Unglück geradezu ansieht und der unser Mitgefühl verdient.
Relevanz heute
Die Redewendung "ein armes Schwein" ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant in der deutschen Alltagssprache. Sie hat nichts von ihrer Bildhaftigkeit eingebüßt und wird in diversen Kontexten verwendet. Besonders häufig ist sie in privaten Gesprächen zu hören, wenn über das Missgeschick eines Dritten gesprochen wird. Auch in journalistischen Texten, etwa in Sportberichten über einen verletzten Starspieler oder in Gesellschaftskolumnen über einen Prominenten im Pech, findet sie Anwendung.
Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in der modernen, oft ironischen oder selbstironischen Verwendung nieder. Ein Kollege, der an einem strahlenden Sommertag im Bürio festhängen muss, kann sich selbst als "armes Schwein" bezeichnen. Die Redensart funktioniert somit nach wie vor perfekt, um Schicksalsschläge, kleine Unglücke und Situationen, die unser Mitleid erregen, auf eine eingängige und sofort verständliche Weise zu benennen.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für informelle bis halbformelle Situationen. In einem lockeren Vortrag oder in einer geselligen Runde klingt sie absolut passend. Sie bringt Anteilnahme zum Ausdruck, ohne dabei zu pathetisch oder schwerfällig zu wirken. In einer Trauerrede wäre sie jedoch zu salopp und zu sehr der Umgangssprache verhaftet; hier wählt man besser direktere Formen des Mitgefühls.
Vorsicht ist in sehr formellen oder geschäftlichen Kontexten geboten. Den Geschäftspartner, der einen schlechten Deal gemacht hat, als "armes Schwein" zu bezeichnen, wäre unprofessionell und respektlos. In solchen Rahmen wirkt die Redewendung flapsig. Richtig eingesetzt, ist sie jedoch ein kraftvolles Stilmittel der Anteilnahme.
Hier finden Sie einige Beispiele für gelungene Sätze:
- "Unser Nachbar hat gestern sein Auto und seinen Geldbeutel verloren. Das ist doch ein armes Schwein."
- "Schau dir den Matthias an, der muss das ganze Wochenende nacharbeiten. Du armes Schwein!" (direkte Ansprache)
- "Nach der verpatzten Prüfung und dem platten Fahrradreifen auf dem Heimweg fühlte ich mich wie das ärmste Schwein der Welt." (selbstironisch)
Besonders geeignet ist die Redensart also für Alltagsgespräche, narrative Texte und überall dort, wo man Mitleid auf eine eingängige, nicht zu tiefschürfende Art ausdrücken möchte.
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