Ihm sind die Pferde durchgegangen

Kategorie: Redewendungen

Ihm sind die Pferde durchgegangen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung stammt direkt aus der Welt der Pferdehaltung und des Fuhrwesens. Sie bezieht sich auf den gefährlichen Kontrollverlust, wenn ein Gespann scheut, durchgeht und der Kutscher oder Reiter die Zügel nicht mehr in der Hand hat. Die Pferde rennen dann unkontrolliert und mit großer Wucht davon, was zu schweren Unfällen führen konnte. Dieser konkrete, lebensbedrohliche Vorgang wurde schon vor Jahrhunderten bildhaft auf den Menschen übertragen. Schriftliche Belege finden sich beispielsweise in Texten des 18. und 19. Jahrhunderts, die sich mit der Unbeherrschtheit von Leidenschaften oder der politischen Lage beschäftigen. Die Metapher war so einprägsam, dass sie sich schnell in der Alltagssprache etablierte.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich beschreibt die Redewendung den eben geschilderten Unfall mit einem Pferdegespann. In der übertragenen Bedeutung sagt man "Ihm sind die Pferde durchgegangen" über eine Person, die die emotionale oder rationale Kontrolle über sich selbst verloren hat. Es geht um einen plötzlichen, heftigen Ausbruch von Zorn, Wut oder unbeherrschten Leidenschaften. Die Person "rast" dann im übertragenen Sinne. Ein typisches Missverständnis liegt darin, die Redensart mit einfacher Hektik oder großer Eile zu verwechseln. Der Kern ist jedoch nicht Geschwindigkeit, sondern der vollständige Kontrollverlust. Es ist ein Zustand, in dem jemand nicht mehr "lenken" kann, was in ihm vorgeht, und sich von seinen Impulsen fortreißen lässt.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor absolut lebendig und wird häufig verwendet, auch wenn die wenigsten von uns heute noch praktische Erfahrung mit einem durchgehenden Pferdegespann haben. Das Bild ist so kraftvoll und verständlich, dass es seine Gültigkeit behalten hat. Man verwendet es in modernen Kontexten, um ein cholerisches Verhalten im Büro zu beschreiben, den Wutausbruch eines Politikers in einer Talkshow zu kommentieren oder auch den emotionalen Kontrollverlust einer Person in einer privaten Auseinandersetzung. Sie schlägt somit perfekt die Brücke zwischen einer historischen Realität und einem zeitlosen menschlichen Phänomen: dem Durchgehen der eigenen Gefühle.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redensart eignet sich hervorragend für lebhafte Schilderungen in gesprochener und geschriebener Sprache. Sie ist in neutralen bis informellen Kontexten gut aufgehoben.

  • Im Beruf: "Nach der dritten negativen Rückmeldung des Kunden sind ihm dann endgültig die Pferde durchgegangen." Sie ist hier etwas salopp, aber in internen Gesprächen durchaus üblich.
  • In der Berichterstattung: "In der hitzigen Debatte verlor der Abgeordnete die Fassung – ihm waren die Pferde durchgegangen."
  • Im privaten Bereich: "Entschuldige meine harten Worte gestern. Mir sind da leider die Pferde durchgegangen."

Vorsicht ist in sehr formellen oder feierlichen Anlässen geboten. In einer Trauerrede oder einer offiziellen Würdigung wirkt die Formulierung zu derb und bildhaft. Für solche Zwecke wählt man besser Formulierungen wie "die Beherrschung verlieren". In einem lockeren Vortrag, einer Kolumne oder einem Blogbeitrag hingegen setzt sie genau das richtige, einprägsame Bild und verleiht der Schilderung Dynamik.

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