Die Motten kriegen

Kategorie: Redewendungen

Die Motten kriegen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Die Motten kriegen" ist ein vergleichsweise junges Sprachbild, das sich im 20. Jahrhundert im deutschen Sprachraum etabliert hat. Ihre Wurzeln liegen in der konkreten Erfahrung mit textilfressenden Mottenlarven. Wertvolle Kleidungsstücke, insbesondere aus Wolle oder Pelz, die lange ungetragen im dunklen Schrank lagen, waren besonders anfällig für diesen Befall. Der Satz "Das kriegt die Motten" war somit eine sehr reale Befürchtung und eine praktische Warnung vor Verschwendung und Vernachlässigung. Der Übergang von dieser wörtlichen Warnung zur festen Redensart vollzog sich allmählich in der Umgangssprache, wobei sich keine präzise literarische oder historische Erstnennung ausmachen lässt. Die Entstehung ist also aus dem lebenspraktischen Kontext der Haushaltsführung heraus plausibel nachvollziehbar.

Bedeutungsanalyse

Im übertragenen Sinne bedeutet die Redewendung, dass etwas ungenutzt bleibt, veraltet oder überflüssig wird. Sie drückt aus, dass ein Gegenstand, eine Fähigkeit oder auch eine Gelegenheit nicht (mehr) gebraucht wird und dadurch verkümmert, an Wert verliert oder einfach "eingemottet" wird. Wörtlich bezieht sich der Ausdruck auf den materiellen Verfall durch Schädlinge. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, es ginge primär um Zerstörung. Der Kern der Aussage liegt jedoch weniger in der aktiven Vernichtung, sondern in der passiven Vernachlässigung. Es ist der Prozess des Verkommens aus Mangel an Gebrauch. Kurz gesagt: Was man nicht nutzt, das "kriegt die Motten" – es verliert seine Frische, seine Brauchbarkeit und seine Daseinsberechtigung.

Relevanz heute

Die Redewendung ist auch in der modernen Sprache absolut lebendig und relevant, hat sich ihr Anwendungsbereich doch stark erweitert. Während der konkrete Mottenbefall in Haushalten durch moderne Materialien und Pflegemittel seltener geworden sein mag, ist das sprachliche Bild treffender denn je. Heute "kriegen die Motten" vor allem immaterielle Dinge: ungenutzte Talente, erlernte Sprachen, die man nicht spricht, veraltetes Wissen oder auch digitale Dateien auf vergessenen Festplatten. In einer Zeit, die von schneller Obsoleszenz und ständiger Aktualisierung geprägt ist, beschreibt die Redensart perfekt das Schicksal alles Unbenutzten. Sie schlägt somit eine direkte Brücke von der hauswirtschaftlichen Sorge unserer Großeltern zur digitalen und persönlichen Entwicklungssorge der Gegenwart.

Praktische Verwendbarkeit

Der Ausdruck eignet sich hervorragend für lockere Gespräche, kollegiale Ratschläge oder auch pointierte Vorträge, um vor Verschwendung oder Trägheit zu warnen. Er ist leicht salopp und daher für formelle Anlässe wie Trauerreden oder offizielle Ansprachen weniger geeignet. In einem Bewerbungsgespräch wäre er zu umgangssprachlich. Ideal ist er jedoch im privaten oder informell-beruflichen Kontext, um etwas bildhaft und einprägsam auf den Punkt zu bringen.

Gelungene Anwendungsbeispiele sind:

  • Im Gespräch unter Freunden: "Du hast so toll Klavier gelernt! Wenn du jetzt nicht regelmäßig übst, kriegt das alles die Motten."
  • Im beruflichen Umfeld (im Team): "Diese hervorragende Softwarelösung von letztem Jahr nutzt keiner mehr. So kriegt sie ja die Motten. Sollen wir sie nicht reaktivieren?"
  • Als selbstkritische Feststellung: "Mein Französisch ist eingerostet. Die Vokabeln kriegen langsam die Motten, weil ich nie nach Paris komme."

Die Redewendung wirkt am besten, wenn Sie sie nutzen, um vor einem absehbaren Verfall durch Nichtnutzung zu warnen oder diesen bedauernd festzustellen. Sie ist ein plastischer und eingängiger Appell, Dinge wertzuschätzen und in Gebrauch zu halten.

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