Der Vergleich hinkt
Kategorie: Redewendungen
Der Vergleich hinkt
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft der Redewendung "Der Vergleich hinkt" ist historisch klar belegt und führt uns direkt in die Antike. Sie geht auf den griechischen Philosophen Aristoteles zurück, der in seiner "Rhetorik" (um 335 v. Chr.) die Metapher als besonders wirksames Stilmittel beschrieb. Er stellte jedoch eine entscheidende Bedingung: Ein Vergleich, also eine Metapher oder Analogie, müsse in den wesentlichen Punkten übereinstimmen. Weicht er an einer zentralen Stelle ab, wird er "hinkend" oder "lahm". Diese bildhafte Kritik wurde später von römischen Rhetorikern wie Cicero und Quintilian übernommen und schließlich in die deutsche Sprache eingebürgert. Der Ausdruck ist somit über 2300 Jahre alt und entstammt dem fundierten Handwerk der Überzeugungskunst.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung einen ungleichen Gang, bei dem ein Bein oder Fuß nicht richtig mitkommt. Übertragen auf sprachliche Vergleiche bedeutet sie, dass eine gezogene Analogie oder Parallele einen entscheidenden logischen Fehler aufweist. Der Vergleich ist nicht vollständig tragfähig, weil ein Aspekt nicht passt oder der Bezugspunkt schief ist. Ein typisches Missverständnis liegt darin, zu glauben, die Redensart kritisiere lediglich einen schlechten oder unpassenden Vergleich. In Wahrheit geht es spezifischer um einen Vergleich, der an einer konstitutiven Stelle nicht funktioniert und dadurch die gesamte Argumentation ins Wanken bringt. Kurz gesagt: Man weist damit nach, dass zwei Dinge eben nicht so ähnlich sind, wie behauptet wird, weil ein fundamentaler Unterschied ignoriert wurde.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute relevanter denn je. In einer Zeit, die von schnellen Analogien und vereinfachenden Vergleichen in politischen Debatten, sozialen Medien und der täglichen Kommunikation geprägt ist, bietet sie ein präzises Werkzeug zur kritischen Prüfung. Ob in wissenschaftlichen Diskussionen, bei der Analyse von Werbeversprechen oder in der juristischen Argumentation – überall dort, wo mit Analogien argumentiert wird, ist die Warnung vor einem "hinkenden Vergleich" angebracht. Sie schärft das Bewusstsein für logische Konsistenz und hilft, oberflächliche oder irreführende Parallelen zu entlarven. Die Brücke zur digitalen Gegenwart ist schnell geschlagen: Ein viral geteilter Post, der komplexe gesellschaftliche Probleme mit einer simplen Alltagssituation vergleicht, "hinkt" oft auf offensichtliche Weise.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für formelle und semi-formelle Kontexte, in denen Argumente sachlich und fundiert widerlegt werden sollen. In einer Rede, einem Vortrag oder einem akademischen Paper klingt sie präzise und gebildet, ohne arrogant zu wirken. Für eine Trauerrede oder sehr feierliche Anlässe ist sie hingegen zu analytisch und passt nicht zur emotionalen Tonlage. Im lockeren Gespräch unter Freunden kann sie etwas gestelzt klingen, hier sind Formulierungen wie "Da passt aber was nicht" oder "Das ist doch kein fairer Vergleich" natürlicher.
Gelungene Anwendungsbeispiele zeigen die Bandbreite:
- In einer Diskussion: "Ihre Analogie zwischen Staat und Familie ist reizvoll, aber sie hinkt an einer entscheidenden Stelle: Ein Staat kann seine Bürger nicht wie Kinder erziehen, ohne deren Grundrechte zu verletzen."
- In einem journalistischen Kommentar: "Der oft gezogene Vergleich der aktuellen Krise mit den 1930er Jahren hinkt gewaltig, denn die globalen wirtschaftlichen Verflechtungen sind heute völlig andere."
- Im Berufsalltag (etwas abgemildert): "Ich verstehe den Vergleich mit dem letzten Projekt, aber der hinkt etwas, weil wir damals ein viermal so großes Budget hatten."
Setzen Sie die Redewendung also gezielt ein, wenn Sie die Schwachstelle einer Analogie fundiert und nachvollziehbar benennen möchten. Sie signalisiert Ihrem Gegenüber, dass Sie genau zugehört haben und den Kern des Arguments verstanden – und widerlegt – haben.
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