Das Kind mit dem Bade ausschütten
Kategorie: Redewendungen
Das Kind mit dem Bade ausschütten
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Das Kind mit dem Bade ausschütten" ist eine der ältesten und bildhaftesten im deutschen Sprachraum. Ihre erste schriftliche Fixierung findet sich in einem Werk des Humanisten Sebastian Franck aus dem Jahr 1541. In seiner Sprichwörtersammlung "Sprichwörter, Schöne, Weise, Herrliche Clugreden" schrieb er: "Der schüttet das kindt mit dem bad aus". Der Kontext war bereits der uns heute geläufige: eine Warnung vor übereiltem und undifferenziertem Handeln, bei dem das Gute und Wertvolle zusammen mit dem Schlechten und Unerwünschten verworfen wird. Das Bild selbst ist noch älter und entstammt dem mittelalterlichen Alltag. In einer Zeit, in der die ganze Familie in einem Holz- oder Zinnbadewanne nacheinander im selben Wasser badete, war das wertvolle, warme Wasser am Ende zu entsorgen. Die bildliche Vorstellung, dabei versehentlich das Kind aus der Wanne zu schöpfen und fortzugießen, diente als perfekte, einprägsame Metapher für einen groben Fehler.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt die Redewendung einen absurden und folgenschweren Unfall: Man leert die volle Badewanne aus und schüttet dabei das darin sitzende Kind mit hinaus. Übertragen bedeutet sie, etwas Positives, Nützliches oder Wesentliches (das Kind) aufgrund einer pauschalen Ablehnung oder in blindem Aktionismus zusammen mit etwas Negativem, Unerwünschtem oder Überflüssigem (dem schmutzigen Badewasser) zu verwerfen. Es geht um mangelnde Differenzierung und die Verkennung des eigentlichen Wertes. Ein typisches Missverständnis liegt in der Annahme, es ginge primär um übertriebenen Perfektionismus oder um das "Reinmachen". Der Kern ist jedoch nicht die Sauberkeit, sondern der unersetzliche Verlust. Kurz gesagt: Man sollte das Gute nicht wegen einiger schlechter Aspekte aufgeben, sondern das Schlechte gezielt entfernen, während man das Gute bewahrt.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute so relevant wie eh und je, vielleicht sogar relevanter in unserer schnelllebigen und oft polarisierten Diskussionskultur. Sie wird ständig verwendet, um vor voreiligen Pauschalurteilen und radikalen Lösungen zu warnen. Sie ist ein geflügeltes Wort in politischen Debatten, wenn etwa gefordert wird, ein gesamtes System oder eine Institution wegen einzelner Missstände abzuschaffen. In der Technologie-Diskussion warnt sie davor, eine nützliche Innovation komplett zu verdammen, weil sie auch Risiken birgt. In persönlichen Konflikten mahnt sie, eine Freundschaft oder Beziehung nicht wegen eines Streits komplett zu beenden. Die Brücke zur Gegenwart ist daher sehr direkt: In einer Zeit des "Alles-oder-Nichts"-Denkens erinnert diese alte Weisheit an die Notwendigkeit von Besonnenheit und Differenzierung.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für jede Situation, in der Sie vor Überreaktion oder pauschaler Verurteilung warnen möchten. Sie passt in sachliche Vorträge, politische Kommentare, Leitartikel oder auch in berufliche Diskussionen, etwa wenn ein Team ein gesamtes Projekt verwerfen will, obwohl Teile davon sehr wertvoll sind. In einer Trauerrede wäre sie wahrscheinlich zu bildhaft und salopp. In einem lockeren Gespräch unter Freunden hingegen ist sie perfekt, um humorvoll-kritisch auf übertriebenes Verhalten hinzuweisen. Achten Sie darauf, dass die Redewendung eine gewisse Direktheit hat; sie kann in sehr formellen oder diplomatischen Settings als zu drastisch empfunden werden.
Hier finden Sie Beispiele für gelungene Sätze:
- "Wenn Sie wegen der Datenschutzbedenken dieser App gleich auf alle digitalen Helfer verzichten, schütten Sie das Kind mit dem Bade aus."
- "Die Reformvorschläge sind gut, aber Ihren Plan, das gesamte Alte ersatzlos zu streichen, bedeutet leider, das Kind mit dem Bade auszuschütten."
- "Nur weil ein paar Schüler den Unterricht stören, sollten Sie nicht die ganze Klassenfahrt absagen. Das wäre, als würden Sie das Kind mit dem Bade ausschütten."
Nutzen Sie die Redewendung also dort, wo Sie eine klare, einprägsame und bildhafte Warnung vor einem Verlust aussprechen möchten, der durch mangelnde Unterscheidung entsteht.
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