Wie das Leiden Jesu aussehen

Kategorie: Redewendungen

Wie das Leiden Jesu aussehen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Wie das Leiden Jesu aussehen" ist eine saloppe bis derbe Umschreibung aus der Umgangssprache, deren exakter historischer Ursprung nicht zweifelsfrei dokumentiert ist. Sie entstammt vermutlich dem Bereich der Soldaten- oder Handwerkersprache des 19. oder frühen 20. Jahrhunderts. Der erste schriftliche Beleg lässt sich nicht mit absoluter Sicherheit festmachen, was typisch für derartige bildhafte Vergleiche ist, die zunächst mündlich verbreitet wurden. Der Kontext der Entstehung ist jedoch klar: Es handelt sich um eine hyperbolische, also stark übertreibende, Verstärkung, die ein extremes Maß an Elend, Chaos oder körperlicher Versehrtheit beschreiben soll. Die bewusste Bezugnahme auf die christliche Ikonografie der Passion, die in Kunst und Kultur allgegenwärtig war, sorgte für eine sofortige, drastische Bildlichkeit.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich genommen verweist die Redewendung auf die Darstellung Jesu Christi nach der Geißelung und Dornenkrönung, wie sie in unzähligen Gemälden und Skulpturen zu sehen ist: blutend, mit Wunden bedeckt und gezeichnet von unsäglichem Schmerz. In der übertragenen Bedeutung beschreibt man damit einen Menschen, der äußerlich völlig mitgenommen, verwahrlost oder jämmerlich aussieht. Ein typisches Missverständnis besteht darin, anzunehmen, es gehe um das innere Leiden oder eine seelische Qual. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezieht sich die Wendung jedoch fast immer auf den äußerlichen, sichtbaren Zustand. Man sagt nicht "Er fühlt sich wie das Leiden Jesu", sondern "Er sieht aus wie das Leiden Jesu". Die Redensart ist also eine rein optische Diagnose. Sie interpretiert sich damit selbst: Sie ist ein drastischer Vergleich für ein erbärmliches Aussehen, oft nach einer durchzechten Nacht, einer anstrengenden Schicht, einer Krankheit oder einem Missgeschick.

Relevanz heute

Die Redewendung ist auch in der modernen Umgangssprache durchaus noch lebendig, wenn auch ihr Gebrauch bewusster erfolgt. In einer zunehmend säkularisierten Gesellschaft ist die unmittelbare Bildkraft der christlichen Vorlage nicht mehr bei jedem Gesprächspartner gleichermaßen präsent. Dennoch hat sie sich als feststehender Ausdruck etabliert. Sie wird heute vorwiegend in informellen, oft männlich geprägten Kontexten verwendet – etwa unter Kolossen nach einer anstrengenden Nachtschicht, unter Sportlern nach einem harten Wettkampf oder unter Freunden, die mit den Folgen einer Feier zu kämpfen haben. Ihre Relevanz zeigt sich darin, dass sie als stark übertreibendes Stilmittel eine klare, humorvoll-drastische Aussage transportiert, für die es kaum ein gleichwertiges Synonym gibt. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sie dort, wo es um die sichtbaren Spuren extremer Belastung geht, sei es durch Arbeit, Sport oder Freizeitgestaltung.

Praktische Verwendbarkeit

Die Anwendung dieser Redensart erfordert Fingerspitzengefühl, da sie trotz ihres humoristischen Untertons eine deutliche Derbheit besitzt. Sie ist ideal für lockere Gespräche unter vertrauten Personen, in denen eine überspitzte Beschreibung erwünscht ist. In einer Rede oder einem Vortrag wäre sie nur dann angebracht, wenn Sie ein bewusst saloppes, volksnahes Publikum ansprechen und eine pointierte Schilderung benötigen. Für eine Trauerrede oder formelle Anlässe ist sie völlig ungeeignet und würde als respektlos oder taktlos empfunden werden. Auch im beruflichen Umfeld sollte sie mit Vorsicht genossen werden, es sei denn, der Tonfall ist dort ausdrücklich sehr derb. Gelungene Beispiele für ihren Einsatz sind Sätze wie: "Nach zwölf Stunden auf der Baustelle bei diesem Regen sehe ich aus wie das Leiden Jesu." oder "Als er mit dieser Grippe ins Büro kam, sah er aus wie das Leiden Jesu – wir haben ihn sofort nach Hause geschickt." Sie fungiert stets als bildstarke Verstärkung für einen kläglichen äußeren Eindruck.

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