Wasser predigen und Wein trinken

Kategorie: Redewendungen

Wasser predigen und Wein trinken

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Wasser predigen und Wein trinken" ist eine sehr alte und bildhafte Kritik an Heuchelei. Ihre Wurzeln reichen bis in die Antike zurück. Ein direkter Vorläufer findet sich beim römischen Dichter Horaz (65-8 v. Chr.), der in seinen "Satiren" schrieb: "Hic nigrae sucus lolliginis, haec est / Aerugo mera: quod vitium procul afore chartis, / Atque animo prius, ut si quid promittere de me / Possum aliud vere, promitto." Frei übersetzt und auf den Punkt gebracht: Er tadelt Menschen, die anderen Enthaltsamkeit predigen, selbst aber in Saus und Braus leben. Die spezifische Formulierung mit Wasser und Wein als Kontrastpaar etablierte sich im deutschen Sprachraum im Spätmittelalter und der frühen Neuzeit. Sie greift den fundamentalen Gegensatz zwischen dem einfachen, lebensnotwendigen Wasser und dem kostbaren, genussvollen Wein auf, der seit jeher Symbol für Wohlstand und Freude ist. Die Redensart prangerte besonders die Doppelmoral von Geistlichen oder Moralpredigern an, die der Gemeinde Askese auferlegten, sich selbst aber keine Einschränkungen auferlegten.

Bedeutungsanalyse

Die Bedeutung der Redewendung ist klar und eindeutig: Sie beschreibt das Verhalten einer Person, die für andere strenge Maßstäbe, Verzicht oder moralisch einwandfreies Verhalten fordert, sich selbst jedoch nicht an diese Regeln hält. Wörtlich nimmt man das Bild eines Predigers, der von der Kanzel herab den Genuss von Wein verdammt und stattdessen Wasser empfiehlt, nach der Predigt aber selbst zum Wein greift. Übertragen steht "Wasser predigen" für das Einfordern von Bescheidenheit, Disziplin, Moral oder Entbehrung. "Wein trinken" symbolisiert hingegen das genaue Gegenteil: den eigenen Luxus, Genuss, Vorteil oder moralisch fragwürdigen Lebenswandel. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung auf allgemeine Widersprüche zwischen Wort und Tat zu beziehen. Der Kern ist jedoch spezifischer: Es geht um die heuchlerische Doppelmoral, bei der man für andere strenger ist als für sich selbst. Es ist nicht einfach nur ein gebrochenes Versprechen, sondern eine aktive Forderung an andere, die man selbst ignoriert.

Relevanz heute

Die Redewendung hat nichts von ihrer Schärfe und Aktualität verloren. In einer Zeit, in der Glaubwürdigkeit und Authentizität hohe Werte darstellen, ist die Anklage der Heuchelei brandaktuell. Sie wird nach wie vor häufig verwendet, um Doppelstandards in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft anzuprangern. Denken Sie an Politiker, die Sparsamkeit fordern, aber selbst teure Dienstreisen unternehmen. Oder an Unternehmensberater, die Effizienz predigen, während ihr eigenes Unternehmen verschwenderisch wirtschaftet. Auch im persönlichen Umfeld ist die Wendung geläufig, etwa wenn Eltern ihren Kindern Handyverbote erteilen, selbst aber ständig auf dem Smartphone sind. Die Brücke zur Gegenwart ist daher leicht zu schlagen: Wo immer öffentliche Moral und privates Handeln auseinanderklaffen, findet diese bildhafte Formulierung ihre treffende Anwendung.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redewendung ist vielseitig einsetzbar, jedoch aufgrund ihrer anklagenden Natur nicht für jede Situation geeignet. Sie wirkt in politischen Kommentaren, kritischen Essays oder in der satirischen Betrachtung sehr pointiert. In einem lockeren Vortrag oder einem geselligen Gespräch kann sie, mit einem Augenzwinkern vorgetragen, ebenfalls funktionieren, etwa um das Verhalten eines gemeinsamen Bekannten humorvoll zu charakterisieren. Für formelle Anlässe wie eine Trauerrede oder eine offizielle Würdigung ist sie hingegen zu salopp und zu anklagend. Hier würde man auf neutralere Formulierungen ausweichen. Die Stärke der Redewendung liegt in ihrer bildhaften Direktheit, die den Vorwurf der Heuchelei sofort verständlich macht.

Gelungene Beispiele für den Gebrauch im Alltag sind:

  • "Unser Chef predigt immer Teamgeist und flache Hierarchien, aber wichtige Entscheidungen trifft er allein hinter verschlossenen Türen. Das ist doch klassisches Wasser predigen und Wein trinken."
  • "Der Influencer postet ständig Beiträge über Nachhaltigkeit und Minimalismus, während er in der Realität jede Woche ein neues Luxusauto vorführt. Da fragt man sich, wer hier Wasser predigt und Wein trinkt."
  • In einem weniger konfrontativen Ton: "Ich will nicht der sein, der Wasser predigt und Wein trinkt, also muss ich mir selbst an die Nase fassen, bevor ich anderen Ratschläge erteile."

Besonders geeignet ist die Redewendung also für Kontexte, in denen man Doppelmoral benennen und kritisieren möchte, sei es im journalistischen, politischen oder zwischenmenschlichen Bereich. Sie sollte mit Bedacht eingesetzt werden, da sie das Gegenüber direkt eines unehrlichen Charakters bezichtigt.

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