Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall
Kategorie: Redewendungen
Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall" ist ein vergleichsweise junges Sprichwort, das sich aus älteren Sprachbildern entwickelt hat. Seine erste schriftliche Fixierung in dieser prägnanten Form findet sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Ursprung liegt jedoch in einer viel älteren und bekannteren Sentenz: "De gustibus non est disputandum", also "Über Geschmack lässt sich nicht streiten". Die konkrete Bildhaftigkeit mit Eule und Nachtigall ist eine kreative, deutschsprachige Ausgestaltung dieses Grundgedankens. Die Tiere sind dabei nicht willkürlich gewählt. Die Nachtigall steht seit jeher in der Dichtung für schönen Gesang, Poesie und Freude, während die Eule oft mit Weisheit, aber auch mit düsteren Vorahnungen oder Unglück assoziiert wird. Diese konträren Symboliken machen den Kern der Aussage besonders einprägsam.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung bedeutet, dass Geschmäcker, Vorlieben und Wertvorstellungen höchst subjektiv sind. Was für eine Person wertvoll, schön oder erstrebenswert ist (die "Nachtigall"), kann für eine andere unattraktiv, bedrohlich oder unangenehm sein (die "Eule"). Wörtlich genommen vergleicht sie zwei völlig verschiedene Vogelarten mit gegensätzlicher kultureller Aufladung. Übertragen appelliert sie an die Toleranz gegenüber unterschiedlichen Meinungen im nicht-faktischen Bereich. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Aussage auf objektive Wahrheiten oder moralische Grundsätze anwenden zu wollen. Die Redewendung bezieht sich explizit auf Bereiche des persönlichen Geschmacks und der individuellen Präferenz, nicht auf Tatsachen. Sie ist eine Aufforderung, subjektive Urteile als solche zu erkennen und Streit darüber zu vermeiden.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser Redensart ist ungebrochen, vielleicht sogar größer denn je. In einer Zeit, die von einer enormen Vielfalt an Lebensstilen, kulturellen Angeboten und individuellen Ausdrucksformen geprägt ist, gewinnt ihre Botschaft ständig an Bedeutung. Sie wird häufig in Diskussionen über Kunst, Musik, Design, aber auch bei alltäglichen Dingen wie Kleidung, Ernährung oder Freizeitgestaltung verwendet. In sozialen Medien, wo persönliche Vorlieben oft öffentlich zur Schau gestellt und kommentiert werden, dient der Spruch als friedensstiftende Erinnerung. Die Brücke zur Gegenwart lässt sich besonders gut im Bereich der Popkultur schlagen: Der Musikgeschmack eines Teenagers (seine "Nachtigall") kann für die Elterngeneration nur Lärm (eine "Eule") sein, und umgekehrt. Die Redewendung fördert so ein respektvolles Miteinander in einer pluralistischen Gesellschaft.
Praktische Verwendbarkeit
Sie können diese Redewendung in einer Vielzahl von Kontexten einsetzen, in denen es um die friedliche Anerkennung unterschiedlicher Standpunkte geht. Sie eignet sich hervorragend für lockere Vorträge, Kolumnen oder gesellige Gespräche, um eine hitzige Debatte über Geschmacksfragen elegant zu beenden. In einer Trauerrede wäre sie wahrscheinlich zu salopp, es sei denn, sie passte zum Charakter des Verstorbenen. In einem professionellen Meeting über objektive Daten wäre sie fehl am Platz.
Hier finden Sie einige Beispiele für gelungene Sätze:
- Nach einer hitzigen Diskussion über moderne Architektur sagte er lächelnd: "Nun, was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall. Lassen wir es dabei."
- In ihrem Blog über Inneneinrichtung schrieb sie: "Mein Schwager findet diese Tapiste schrecklich. Aber was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall – für mich ist sie ein Kunstwerk."
- Der Moderator kommentierte die unterschiedlichen Reaktionen auf den Film: "Die Kritiken gehen extrem auseinander. Ein klassischer Fall von 'Was dem einen seine Eule, ist dem anderen seine Nachtigall'."
Besonders geeignet ist die Redewendung also für informelle Gespräche, schriftliche Kommentare, kulturkritische Betrachtungen und jede Situation, in der Sie betonen möchten, dass Vielfalt bereichernd und Streit über Subjektives unnötig ist.
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