Von Pontius zu Pilatus laufen

Kategorie: Redewendungen

Von Pontius zu Pilatus laufen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Von Pontius zu Pilatus laufen" ist eine der wenigen, deren Ursprung sich mit absoluter Sicherheit auf eine konkrete biblische Textstelle zurückführen lässt. Sie erscheint erstmals im Lukasevangelium (Kapitel 23). Nach der Gefangennahme Jesu wird er vor verschiedene Instanzen geschickt: Zuerst kommt er vor den Hohen Rat der Juden, dann zu Pontius Pilatus, dem römischen Statthalter. Pilatus, der Jesus für unschuldig hält, schickt ihn weiter zu Herodes Antipas, dem Herrscher über Galiläa, der sich gerade in Jerusalem aufhält. Herodes verhöhnt Jesus und schickt ihn wieder zurück zu Pilatus. Dieser juristische und administrative Hin- und Hergang ohne zügiges Ergebnis bildet die historische Grundlage für unsere heutige Redensart.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich beschreibt die Redewendung die sinnlose Odyssee einer Person zwischen verschiedenen Autoritäten oder Stellen, die im biblischen Fall Pontius Pilatus und Herodes waren. In der übertragenen Bedeutung steht sie heute für jede Art von vergeblichem und ermüdendem Hin und Her zwischen verschiedenen Ämtern, Behörden, Abteilungen oder auch nur Personen, die eine Entscheidung treffen könnten, es aber nicht tun. Ein typisches Missverständnis liegt in der Namensdopplung "Pontius Pilatus". Es handelt sich nicht um zwei verschiedene Personen namens Pontius und Pilatus, sondern um eine einzige: Pontius Pilatus. Die Redewendung verkürzt und verdoppelt den Namen aus rhythmischen Gründen und zur Verstärkung des Eindrucks der Sinnlosigkeit. Sie bedeutet also: Man wird von einer Instanz zur nächsten und wieder zurück geschickt, ohne dass sich jemand zuständig fühlt oder eine Lösung gefunden wird.

Relevanz heute

Die Redewendung hat nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Sie ist nach wie vor ein feststehender und häufig genutzter Ausdruck, besonders in modernen Kontexten, die von Bürokratie und komplexen Zuständigkeiten geprägt sind. Ob man zwischen verschiedenen Service-Hotlines weiterverbunden wird, im Behördendschungel von einem Schalter zum nächsten geschickt wird oder in einem großen Unternehmen für eine simple Genehmigung die Unterschrift mehrerer Abteilungsleiter einholen muss – die Erfahrung, "von Pontius zu Pilatus" zu laufen, ist vielen Menschen leidvoll vertraut. Die Redensart schafft somit eine direkte und oft humorvoll-resignative Brücke von der antiken Geschichte zur alltäglichen Frustration in der Gegenwart.

Praktische Verwendbarkeit

Der Ausdruck eignet sich hervorragend für informelle bis halbformelle Gespräche und Schilderungen, in denen man bürokratische oder organisatorische Hürden beschreiben möchte. In einer lockeren Rede oder einem Vortrag kann er als plastisches Bild dienen, um Zuhörern eine mühsame Prozedur zu veranschaulichen. In einer Trauerrede wäre er hingegen unpassend, da er eine gewisse saloppe und klagende Note trägt. Er ist weniger flapsig, sondern eher ausdrückend von Resignation und Erschöpfung. Sie können die Redewendung verwenden, wenn Sie Ihre eigene Erfahrung schildern oder jemandem Ratschläge für ein behördliches Vorhaben geben.

Beispiele für gelungene Sätze:

  • "Ich versuche seit Wochen, diese Rückerstattung zu bekommen und laufe nur noch von Pontius zu Pilatus – keiner fühlt sich zuständig."
  • "Sparen Sie sich den Ärger und rufen Sie direkt bei der Zentrale an, sonst laufen Sie hier von Pontius zu Pilatus."
  • "Das Genehmigungsverfahren war ein klassisches Pontius-zu-Pilatus-Laufen zwischen Bauamt, Denkmalschutz und Nachbarschaftsvertretung."

Der Ausdruck ist besonders geeignet für Alltagsgespräche, Beschwerden, journalistische Texte über Bürokratie oder auch in beruflichen Kontexten, um ineffiziente Prozesse zu kritisieren. Er sollte vermieden werden, wo ein hohes Maß an Formalität oder Respekt erforderlich ist.

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