Tomaten auf den Augen haben

Kategorie: Redewendungen

Tomaten auf den Augen haben

Autor: unbekannt

Herkunft

Die genaue Herkunft dieser bildhaften Redewendung ist nicht zweifelsfrei belegt. Es existieren jedoch mehrere plausible Theorien, die ihren Weg in den deutschen Sprachschatz erklären. Eine populäre Erklärung führt sie auf die mittelalterliche Medizin und die sogenannte Humoralpathologie zurück. Nach dieser Lehre wurden Krankheiten auf ein Ungleichgewicht der Körpersäfte zurückgeführt. Rote, entzündete Augen galten als Zeichen für ein Zuviel an Blut. Da die Tomate damals als "Paradiesapfel" oder "Liebesapfel" bekannt war und eine intensive rote Farbe besitzt, könnte sie zum Sinnbild für diese Rötung und damit für eine getrübte Sehfähigkeit geworden sein.

Eine andere, sehr anschauliche Theorie verweist auf den Handel auf mittelalterlichen Märkten. Händler, die ihre Ware – darunter auch frühe Tomatensorten – direkt vor sich auf dem Tisch ausgebreitet hatten, sollen so sehr auf das Geldzählen oder das Feilschen konzentriert gewesen sein, dass sie Diebstähle direkt vor ihrer Nase buchstäblich nicht "sahen". Die roten Früchte lagen im wahrsten Sinne des Wortes vor ihren Augen, wurden aber aufgrund der fokussierten Aufmerksamkeit auf anderes nicht wahrgenommen. Diese Alltagsszene könnte sich als feststehender Ausdruck etabliert haben.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung "Tomaten auf den Augen haben" beschreibt einen Zustand, in dem jemand etwas Offensichtliches nicht erkennt oder bemerkt, obwohl es für andere klar sichtbar ist. Wörtlich genommen wäre es natürlich absurd, sich Tomaten auf die Augen zu legen. Übertragen bedeutet es, dass die Sehfähigkeit im metaphorischen Sinn eingeschränkt ist – nicht durch ein physisches Hindernis, sondern durch Unaufmerksamkeit, Gedankenlosigkeit oder auch durch eine bewusste oder unbewusste Weigerung, die Realität anzuerkennen.

Ein typisches Missverständnis besteht darin, den Ausdruck mit tatsächlicher Blindheit oder schwerer Sehbehinderung gleichzusetzen. Das ist nicht gemeint. Es geht vielmehr um ein vorübergehendes, situatives "Nicht-sehen-Wollen" oder "Nicht-sehen-Können". Die Person ist körperlich durchaus in der Lage zu sehen, aber ihr fehlt in diesem Moment der nötige Blick für das Naheliegende. Der Ausdruck ist meist nicht böse gemeint, sondern eher neckisch oder vorwurfsvoll scherzhaft.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant im deutschen Sprachgebrauch. Sie hat nichts von ihrer Bildhaftigkeit und ihrem charmanten Vorwurf eingebüßt. Verwendet wird sie in allen informellen bis halbformellen Situationen, vom Familienessen über die Arbeit bis hin zu gesellschaftlichen Debatten.

Besondere Aktualität gewinnt der Spruch in unserer von Information überfluteten Zeit. Oft haben wir sprichwörtlich "Tomaten auf den Augen", weil wir vor lauter Details das große Ganze aus den Augen verlieren oder weil wir in unseren Filterblasen so sehr auf eine bestimmte Meinung fixiert sind, dass wir gegenteilige, offensichtliche Argumente einfach übersehen. Die Brücke zur digitalen Gegenwart ist also leicht geschlagen: Wer zum Beispiel stundenlang nach seinem Smartphone sucht, während er es in der Hand hält, der hat klassisch "Tomaten auf den Augen".

Praktische Verwendbarkeit

Der Ausdruck ist perfekt für lockere bis mittlere Gesprächstonlagen geeignet. Er bringt eine verpasste Wahrnehmung auf humorvolle, entschärfte Weise zur Sprache und eignet sich daher hervorragend für freundschaftliche Rügen oder selbstironische Kommentare.

Geeignete Kontexte:

  • Im privaten Umfeld: "Schatz, der Ketchup steht direkt vor dir im Regal. Hast du Tomaten auf den Augen?"
  • Im beruflichen Alltag (im Team mit gutem Klima): "Ich glaube, wir hatten alle Tomaten auf den Augen. Die Lösung war viel einfacher, als wir dachten."
  • In einer lockeren Präsentation oder einem Vortrag: "Manchmal braucht es einen externen Blick, weil wir als Projektteam betriebsblind werden können – oder wie man so schön sagt: Tomaten auf den Augen haben."

Weniger geeignet ist die Redewendung in sehr formellen oder ernsten Situationen. In einer offiziellen Trauerrede, in einem diplomatischen Protestschreiben oder in einer kritischen Leistungsbeurteilung würde sie als zu salopp, zu flapsig und respektlos wirken. Hier wählen Sie besser neutrale Formulierungen wie "übersehen" oder "nicht berücksichtigt".

Gelungene Beispielsätze:

  • Selbstironisch: "Entschuldigen Sie meine Frage, ich muss gerade Tomaten auf den Augen haben. Das stand ja bereits in der E-Mail."
  • Freundschaftlich mahnend: "Du bemerkst wirklich nicht, dass sie dich mag? Junge, du hast Tomaten auf den Augen!"
  • Im gesellschaftlichen Diskurs: "Wer angesichts dieser Daten immer noch den Klimawandel leugnet, der hat doch gewaltige Tomaten auf den Augen."

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