Sich die Hörner abstoßen

Kategorie: Redewendungen

Sich die Hörner abstoßen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "sich die Hörner abstoßen" besitzt eine sehr alte und bildhafte Herkunft, die sich direkt aus der Tierwelt ableiten lässt. Sie geht auf die Natur junger Hirsche, Rehe oder Ziegenböcke zurück. Bei diesen Tieren wachsen im Laufe der Zeit neue Geweihe oder Hörner, die zunächst von einer schützenden und durchbluteten Hautschicht, der sogenannten Basthaut, umgeben sind. Wenn das Hornwachstum abgeschlossen ist, stoßen die Tiere diese Haut durch Reiben an Bäumen oder Sträuchern ab. Dieser Vorgang des "Abstoßens" markiert den Übergang zum ausgewachsenen Tier. Übertragen auf den Menschen bezog sich dies ursprünglich auf den Prozess des Erwachsenwerdens, bei dem jugendlicher Übermut und Wildheit abgelegt werden.

Im übertragenen, menschlichen Sinne ist die Redensart seit dem späten Mittelalter belegt. Sie wurde oft im Kontext junger Männer verwendet, die nach einer Phase der Ausgelassenheit, der Ausschweifung oder des "Herumtollens" zur Ruhe kommen und sich in die Gesellschaft einfügen sollten. Die Hörner standen somit symbolisch für Unbändigkeit, Kraft und auch für eine gewisse Gefährlichkeit, die es im Zuge der Reifung zu verlieren galt.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung den bereits erwähnten biologischen Vorgang bei horntragenden Tieren. In der übertragenen Bedeutung für den Menschen hat sie jedoch eine spezifische und weit verstandene Nuance.

"Sich die Hörner abstoßen" bedeutet heute fast ausschließlich, dass jemand eine Phase wilder, ausschweifender oder auch leichtsinniger Jugenderfahrungen hinter sich lässt und sich den ernsteren Pflichten des Lebens zuwendet. Es geht um das Ablegen von jugendlichem Überschwang, das Zur-Ruhe-Kommen und den Eintritt in ein geordneteres, verantwortungsbewussteres Leben. Oft schwingt dabei mit, dass die betreffende Person in ihrer Jugend "ausgiebig gelebt" hat – was durchaus auch sexuelle Erfahrungen, ausgelassene Feiern oder allgemeine Renitenz umfassen kann.

Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, die Redewendung bedeute einfach "Erfahrungen sammeln". Der Kern liegt jedoch nicht im Sammeln, sondern im anschließenden Ablegen der damit verbundenen Wildheit. Ein weiterer Irrtum wäre, sie ausschließlich auf Männer zu beziehen. Zwar historisch männlich konnotiert, wird sie heute durchaus auch für Frauen verwendet, die eine turbulente Lebensphase beenden.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor lebendig und relevant, auch wenn sich die gesellschaftlichen Vorstellungen von Jugend und Erwachsenwerden gewandelt haben. Die grundlegende Idee einer Übergangsphase, in der man seine Freiheiten auslebt, bevor man sich bindet oder stärker karriereorientiert lebt, ist nach wie vor ein verbreitetes Lebensmodell.

Sie wird heute in verschiedenen Zusammenhängen genutzt: In persönlichen Gesprächen, wenn man über Freunde spricht, die nach Jahren des Reisens oder Party-Machens nun eine Familie gründen. In der Arbeitswelt kann sie scherzhaft auf Kollegen angewandt werden, die nach ihrer wilden Studienzeit nun ernsthafter im Berufsleben stehen. Auch in Ratgebertexten oder biografischen Erzählungen taucht die Formulierung auf, um diesen spezifischen Reifeprozess zu beschreiben. Die Brücke zur Gegenwart zeigt sich darin, dass die Phase des "Hörnerabstoßens" heute oft länger dauert oder später einsetzt, aber das konzeptuelle Muster des Übergangs bleibt erkennbar.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redewendung eignet sich hervorragend für lockere, erzählende Kontexte. Sie ist leicht bildhaft und wird meist mit einem Schmunzeln oder einem verständnisvollen Tonfall verwendet.

Geeignete Kontexte: Private Unterhaltungen, autobiografische Vorträge, lockere Kolumnen oder Blogbeiträge, gesellige Runden. Sie passt gut, wenn man einen Lebenswandel ohne Wertung, sondern mit Anerkennung für beide Phasen beschreiben möchte.

Weniger geeignet: In formellen Trauerreden oder sehr ernsten, offiziellen Ansprachen wirkt sie zu salopp und zu sehr mit lebensfrohen Konnotationen behaftet. Auch in streng sachlichen oder wissenschaftlichen Texten wäre sie fehl am Platz.

Anwendungsbeispiele:

  • "Nach seinem Auslandsjahr und den vielen Reisen hat Peter sich nun entschieden, fest im Familienbetrieb mitzuarbeiten. Er hat sich ganz schön die Hörner abgestoßen, aber jetzt ist er bereit für die Verantwortung."
  • "In ihrer Studienzeit war sie auf jeder Party zu finden, aber seit sie promoviert, ist sie viel fokussierter. Man merkt, sie hat sich ihre Hörner gründlich abgestoßen."
  • In einem Ratgeber: "Es ist völlig in Ordnung, in den Zwanzigern erst einmal die Welt zu erkunden. Irgendwann kommt bei den meisten der Punkt, an dem sie sich die Hörner abstoßen und sich nach Stabilität sehnen."

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