Oberwasser haben / bekommen
Kategorie: Redewendungen
Oberwasser haben / bekommen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Oberwasser haben" oder "Oberwasser bekommen" stammt ursprünglich aus der Sprache der Müller und Flussschiffer. Ihr Ursprung ist technischer Natur und lässt sich klar belegen. In der Wasserwirtschaft bezeichnet "Oberwasser" das Wasser oberhalb einer Staustufe, eines Wehrs oder einer Mühle. Es steht unter Druck und hat die Kraft, ein Mühlrad anzutreiben oder ein Schiff flussabwärts zu treiben. "Unterwasser" ist dagegen das abgeflossene, kraftlose Wasser unterhalb der Anlage. Wer also "Oberwasser" hatte, besaß die energiereiche, kontrollierende Position. Diese bildhafte Übertragung von einer konkreten technischen Situation auf zwischenmenschliche Machtverhältnisse ist seit dem 18. Jahrhundert in der deutschen Sprache nachweisbar.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich bezieht sich die Redensart auf die beschriebene hydrologische Situation. In der übertragenen Bedeutung signalisiert sie einen deutlichen Vorteil in einer Auseinandersetzung oder einem Wettstreit. Wer Oberwasser hat oder bekommt, gewinnt die Oberhand, setzt sich durch und kann die Situation dominieren. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Wendung mit "obenauf sein" oder einfach nur "gut gelaunt sein" gleichzusetzen. Der Kern der Bedeutung ist jedoch machtpolitischer: Es geht um ein Kräfteverhältnis, bei dem eine Seite eindeutig die besseren Karten hält und diesen Vorteil auch nutzen kann. Es ist der Moment, in dem das Pendel in eine Richtung ausschlägt und eine Position der Stärke etabliert.
Relevanz heute
Die Redewendung ist auch in der modernen Alltagssprache nach wie vor äußerst lebendig und relevant. Sie wird in vielfältigen Kontexten verwendet, in denen es um Konkurrenz, Verhandlungen oder psychologische Überlegenheit geht. Man findet sie in der Sportberichterstattung, wenn eine Mannschaft nach einem Gegentor plötzlich Oberwasser bekommt und das Spiel dominiert. In der Wirtschaftspresse ist sie geläufig, um zu beschreiben, wenn ein Unternehmen in Verhandlungen oder am Markt die bessere Position erlangt. Selbst in privaten Diskussionen kann eine Person Oberwasser gewinnen, wenn sie mit einem überzeugenden Argument die Debatte für sich entscheidet. Die Metapher ist so eingängig, dass sie ihre Kraft auch in einer digitalen Welt nicht verloren hat.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für Situationen, in denen ein dynamischer Machtwechsel oder ein klarer Vorteil beschrieben werden soll. In einem lockeren Vortrag oder einer Analyse kann sie pointiert einen Umschwung kennzeichnen. In einer Rede oder einem Kommentar verleiht sie der Beschreibung eines Wettstreits bildhafte Schärfe. Für formelle Anlässe wie eine offizielle Trauerrede ist sie hingegen zu sehr der Sphäre des Konflikts und der Auseinandersetzung entlehnt und könnte als unpassend salopp wirken. Sie ist neutral bis leicht umgangssprachlich gefärbt.
Gelungene Beispiele für den Gebrauch sind:
- "Nach der gelungenen Produktpräsentation hatte das Verhandlungsteam endlich Oberwasser und konnte die Vertragsbedingungen entscheidend verbessern."
- "In der hitzigen Debatte bekam sie erst Oberwasser, als sie mit den unumstößlichen Fakten argumentierte."
- "Die Mannschaft spielte lange verunsichert, doch nach dem Ausgleichstreffer hatten sie plötzlich das Oberwasser und drängten auf den Sieg."
Sie können die Redensart also immer dann einsetzen, wenn Sie den Moment beschreiben möchten, in dem jemand die Initiative ergreift und aus einer Position der Stärke heraus agieren kann.
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