Keine Verwandten kennen
Kategorie: Redewendungen
Keine Verwandten kennen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "keine Verwandten kennen" stammt aus dem Bereich des Rechts, genauer gesagt aus dem Erbrecht. Ihr Ursprung lässt sich bis in die Zeit des Römischen Rechts zurückverfolgen. Dort gab es den Grundsatz "Pater is est, quem nuptiae demonstrant" (Der Vater ist der, den die Ehe anzeigt). Ein uneheliches Kind, ein "nothus", hatte in der klassischen römischen Rechtsordnung zunächst keinerlei verwandtschaftliche Beziehung und damit auch keine Erbansprüche gegenüber der Familie des Vaters. Es "kannte" im rechtlichen Sinne also keine Verwandten väterlicherseits. Diese rechtliche Bedeutung floss später in die deutsche Rechtssprache ein. Die Formulierung findet sich beispielsweise in historischen Gesetzestexten, die festlegten, dass uneheliche Kinder mit ihrem Vater nicht verwandt waren. Sie kannten folglich von Gesetzes wegen keine Verwandten in dieser Linie.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung einen Zustand, in dem jemand seine eigenen Familienmitglieder nicht identifizieren oder anerkennen kann. In der übertragenen, heute gebräuchlichen Bedeutung geht es jedoch um etwas ganz anderes. Sie beschreibt ein Verhalten von großer Rücksichtslosigkeit und Skrupellosigkeit. Wenn man sagt, jemand "kennt keine Verwandten", dann meint man, dass diese Person bei der Verfolgung ihrer eigenen Ziele keinerlei Hemmungen hat. Sie schont niemanden, macht vor nichts und vor niemandem Halt, nicht einmal vor engen Freunden oder der eigenen Familie. Ein typisches Missverständnis besteht darin, die Redewendung auf tatsächlich einsame Menschen ohne Familie zu beziehen. Das ist jedoch nicht gemeint. Im Kern kritisiert die Aussage einen charakterlichen Mangel an Loyalität und moralischen Grundsätzen, der so weit geht, dass selbst die natürlichsten und engsten sozialen Bindungen ignoriert werden.
Relevanz heute
Die Redewendung ist auch in der modernen Sprache durchaus noch lebendig, wenn auch nicht im alltäglichen Smalltalk. Sie wird vor allem dann verwendet, wenn es um scharfe Kritik an moralisch fragwürdigem Verhalten in Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft geht. In Kommentaren zu Unternehmensskandalen, bei denen Konzerne rücksichtslos Kleinanleger schädigen, oder in der politischen Auseinandersetzung, wenn ein Akteur selbst langjährige Weggefährten fallen lässt, ist diese Formulierung ein treffendes und bildhaftes Mittel. Sie schlägt somit die Brücke von einem historisch-juristischen Begriff zu einer zeitlosen Beschreibung von Charakterschwäche und Machtgier. In einer Zeit, die oft von Ellenbogenmentalität und reinem Gewinnstreben geprägt ist, behält die Redewendung ihre eindringliche Warnung vor rücksichtslosem Handeln.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich hervorragend für pointierte Kritik in analytischen oder kommentierenden Texten. Sie ist weniger für lockere Alltagsgespräche geeignet, da sie eine starke Verurteilung transportiert und recht gehobene Sprache darstellt.
- Journalistische Kommentare oder Kolumnen: "Der neue Konzernchef kennt offenbar keine Verwandten. Seine radikalen Sparmaßnahmen treffen zuerst die langjährigen Mitarbeiter, die das Unternehmen groß gemacht haben."
- Politische Debatten oder Reden: "In seinem Machtstreben kennt dieser Politiker keine Verwandten. Ehemalige Freunde und Unterstützer werden ohne mit der Wimper zu zucken fallen gelassen, sobald sie unbequem werden."
- Kritische Gesellschaftsanalysen oder Vorträge: "Das System belohnt oft jene, die im Wettbewerb keine Verwandten kennen. Wir müssen uns fragen, ob wir eine solche Kultur der Rücksichtslosigkeit wirklich wollen."
Sie sollten die Formulierung meiden, wenn Sie eine sachliche, neutrale Beschreibung suchen oder in einem einfühlsamen Kontext, wie einer Trauerrede. Hier wäre sie zu hart und zu abwertend. In einer gehobenen Streitdiskussion oder einem scharfzüngigen Essay entfaltet sie dagegen ihre volle Wirkung und zeigt, dass Sie nicht nur ein Verhalten kritisieren, sondern es sprachlich präzise und historisch fundiert einordnen können.
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