Jemanden unter seine Fittiche nehmen
Kategorie: Redewendungen
Jemanden unter seine Fittiche nehmen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Jemanden unter seine Fittiche nehmen" ist ein sehr altes Bild, das seinen Ursprung in der Bibel findet. Sie taucht im Alten Testament mehrfach auf, insbesondere in den Psalmen. Eine der bekanntesten Stellen ist Psalm 91, Vers 4: "Er wird dich mit seinen Fittichen decken, und unter seinen Flügeln wirst du sicher sein." Das hebräische Wort, das hier mit "Fittichen" übersetzt wird, bezeichnet die Schwingen oder Flügel eines Vogels, insbesondere eines schützenden Raubvogels oder eines Adlers. Das Bild des beschützenden Vogels, der seine Jungen unter die Flügel nimmt, war im antiken Orient ein starkes und verbreitetes Symbol für göttlichen Schutz und Fürsorge. Über die Jahrhunderte wurde dieses poetische und einprägsame Bild aus der religiösen Sprache in die allgemeine Umgangssprache übernommen und verlor dabei seinen ausschließlich spirituellen Kontext.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt die Redewendung die Handlung eines Vogels, der seine Küken oder Eier mit seinen Flügeln, den Fittichen, bedeckt, um sie zu wärmen, zu verstecken und vor Gefahren zu schützen. Übertragen bedeutet sie heute, sich schützend und fürsorglich um eine andere Person zu kümmern, die Hilfe, Anleitung oder Unterstützung benötigt. Es geht um aktive Fürsorge, Patenschaft und das Gewähren von Sicherheit. Ein typisches Missverständnis liegt im Wort "Fittiche" selbst, das manche fälschlicherweise mit "Fittich" (im Sinne von Schwung oder Elan) in Verbindung bringen. Hier ist jedoch eindeutig der anatomische Begriff für Vogelflügel gemeint. Die Redewendung impliziert immer ein Macht- oder Kompetenzgefälle: Eine erfahrenere, stärkere oder etabliertere Person nimmt eine schwächere oder unerfahrenere unter ihren Schutz.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor äußerst lebendig und relevant. Sie wird in vielfältigen Kontexten verwendet, in denen Mentoring, Integration und Unterstützung im Mittelpunkt stehen. In der Arbeitswelt spricht man davon, dass ein erfahrener Kollege einen neuen Auszubildenden "unter seine Fittiche nimmt". Im sozialen Bereich kann eine Familie ein Flüchtlingskind unter ihre Fittiche nehmen. Auch im privaten Umfeld ist die Formulierung geläufig, etwa wenn ein Nachbar sich um eine einsame ältere Person kümmert. Die Brücke zur Gegenwart ist daher sehr direkt: In einer komplexen Welt, in der Orientierung und soziale Netze wichtig sind, beschreibt diese Redewendung nach wie vor ein fundamentales menschliches Bedürfnis und eine ebenso fundamentale soziale Handlung – den schützenden Beistand.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung eignet sich für formelle und informelle Anlässe gleichermaßen, klingt jedoch stets warmherzig und positiv konnotiert. Sie ist weniger flapsig oder salopp, sondern trägt einen Hauch von Anerkennung für den Schutzherrn oder die Schutzherrin in sich.
In einer Trauerrede könnte sie verwendet werden, um zu würdigen, wie der Verstorbene sich stets anderer angenommen hat: "Er hat viele junge Menschen unter seine Fittiche genommen und ihnen den Weg geebnet." In einem lockeren Vortrag über Unternehmenskultur wäre ein Satz wie "Eine gute Einarbeitungsphase bedeutet, dass jeder Neue von einem Mentor unter dessen Fittiche genommen wird" absolut passend. Selbst in einem privaten Gespräch ist die Redewendung anwendbar: "Seit ihr Opa sie unter seine Fittiche genommen hat, blüht das Mädchen richtig auf."
Man sollte die Formulierung jedoch vermeiden, wenn die Situation sehr distanziert oder rein geschäftlich ohne emotionale Komponente ist. Ein Satz wie "Der Konzern nahm das Startup unter seine Fittiche" kann je nach Tonfall zynisch klingen, da er das oft harte Vorgehen bei Übernahmen mit einem fürsorglichen Bild kontrastiert. Ideal ist die Redewendung also für Kontexte, in denen echte, persönliche Fürsorge und Förderung im Vordergrund stehen.
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