Jemandem die Daumenschrauben anziehen oder ansetzen

Kategorie: Redewendungen

Jemandem die Daumenschrauben anziehen oder ansetzen

Autor: unbekannt

Herkunft

Die Redewendung "Jemandem die Daumenschrauben anziehen" oder "ansetzen" stammt aus dem Bereich der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Rechtspraxis. Sie bezieht sich auf ein konkretes Folterinstrument, die sogenannte Daumenschraube oder auch "Schraubzwinge". Dieses Gerät bestand aus zwei Metallbacken, die um die Daumen (oder andere Finger) des Gefangenen gelegt und dann langsam mit einer Schraube zusammengepresst wurden. Der immense, steigerbare Schmerz sollte Geständnisse erzwingen. Die Redewendung taucht in schriftlichen Quellen spätestens im 18. Jahrhundert im übertragenen Sinne auf, als die Folter in vielen Teilen Europas bereits abgeschafft oder stark eingeschränkt war. Sie überdauerte als sprachliches Bild für psychischen Druck und erzwungene Aussagen.

Bedeutungsanalyse

Im wörtlichen Sinne beschreibt die Redewendung die Anwendung eines Folterwerkzeugs. Übertragen bedeutet sie heute, jemanden massiv unter psychischen Druck zu setzen, um ein bestimmtes Verhalten zu erzwingen. Meist geht es darum, eine Information, ein Geständnis, eine Zusage oder eine Entscheidung unter unangenehmem, als quälend empfundenen Nachfragen oder Drohungen zu erhalten. Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es handele sich um körperliche Gewalt. Im modernen Sprachgebrauch ist die Gewalt jedoch fast immer psychischer oder sozialer Natur. Die Redewendung ist deutlich intensiver als einfaches "Druck ausüben" und impliziert eine gezielte, methodische und rücksichtslose Vorgehensweise.

Relevanz heute

Die Redewendung ist nach wie vor hochaktuell und wird regelmäßig in Medien und Alltagsgesprächen verwendet. Sie beschreibt präzise Situationen, in denen Macht unverhältnismäßig eingesetzt wird, um ein Ziel zu erreichen. Man findet sie in politischen Kommentaren, wenn etwa eine Regierungskoalition ihrem Partner "die Daumenschrauben anzieht", um bei einer Abstimmung ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. In Wirtschaftsberichten ist die Rede davon, wenn Gläubiger einem zahlungsunfähigen Unternehmen finanziell "die Daumenschrauben anziehen". Auch in zwischenmenschlichen Konflikten, beispielsweise in Arbeits- oder Familienbeziehungen, wird das Bild genutzt, um emotionalen Erpressungsdruck zu benennen. Die Brücke zur historischen Folter macht die Aussage besonders eindringlich.

Praktische Verwendbarkeit

Die Redewendung eignet sich für Kontexte, in denen ein besonders starker, als unfair oder grausam empfundener Druck beschrieben werden soll. In einer lockeren Rede oder einem kritischen Vortrag über Verhandlungstaktiken kann sie sehr wirksam sein. In einer Trauerrede wäre sie völlig unangebracht und zu hart. Im beruflichen Umfeld sollten Sie sie mit Vorsicht verwenden, da sie ein sehr negatives Licht auf die handelnde Person wirft.

Gelungene Beispiele für den Einsatz sind:

  • "Der Vorstand zog dem Projektleiter mit täglichen Ultimaten die Daumenschrauben an, bis er dem unrealistischen Zeitplan zustimmte."
  • "In der Verhandlung setzte die Staatsanwaltschaft dem Zeugen mit der Androhung einer Anklage die Daumenschrauben an, um eine Aussage zu erhalten."
  • "Ich fühle mich, als würde mir mein Vermieter mit den ständigen Mahnungen die Daumenschrauben anziehen, obwohl die Miete erst morgen fällig ist."

Die Formulierung ist für formelle Schriftstücke oft zu salopp und bildhaft, passt aber ausgezeichnet in journalistische Texte, politische Analysen oder lebhafte Schilderungen in persönlichen Gesprächen, sofern die Situation die drastische Wortwahl rechtfertigt.

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