Im Trüben fischen
Kategorie: Redewendungen
Im Trüben fischen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Im Trüben fischen" stammt aus der Welt der Fischerei und ist bereits seit dem Mittelalter in Gebrauch. Ihre erste schriftliche Fixierung findet sich in Martin Luthers Bibelübersetzung von 1545. Im Buch Habakuk (1,14) heißt es: "Und machst die Menschen wie Fische im Meer, wie Gewürm, das keinen Herrn hat." Luther erläuterte diese Stelle mit den Worten, dass Gott die Menschen den Gottlosen überlasse, "wie man die Fische im Trüben fängt". Der bildliche Kern ist einfach zu verstehen: In trübem, unklarem Wasser haben Fische keine gute Sicht und sind leichter zu fangen. Der Fischer nutzt also die schlechten Bedingungen für sich aus, um einen Vorteil zu erlangen. Diese ursprüngliche Praxis wurde schnell auf zwischenmenschliches Verhalten übertragen.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt die Redewendung die Handlung eines Fischers, der in schlammigem, aufgewühltem Wasser fischt, wo die Beute orientierungslos und einfacher zu greifen ist. Im übertragenen Sinn bedeutet "Im Trüben fischen" heute, sich einen Vorteil aus einer unklaren, verworrenen oder chaotischen Situation zu verschaffen. Es geht darum, die mangelnde Übersicht oder Verwirrung anderer für eigene, oft unlautere Zwecke auszunutzen. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, es gehe einfach um zielloses oder planloses Handeln. Das ist nicht korrekt. Der "Fischer" handelt sehr zielgerichtet, er sucht sich bewusst die Situation der Verwirrung aus, um seinen Fang zu machen. Die Redewendung trägt fast immer einen negativen, moralisch bedenklichen Beiklang und impliziert Hinterlist oder eine unsaubere Methode.
Relevanz heute
Die Redewendung ist nach wie vor hochaktuell und wird in vielfältigen Kontexten verwendet. Ihre Relevanz speist sich aus der Tatsache, dass unklare Verhältnisse und gezielte Desinformation auch im digitalen Zeitalter allgegenwärtig sind. Man begegnet der Phrase in politischen Kommentaren, wenn etwa behauptet wird, eine Partei wolle mit populistischen Parolen "im Trüben fischen". In der Wirtschaftsberichterstattung ist sie präsent, wenn von Unternehmen die Rede ist, die in Krisenzeiten mit aggressiven Übernahmeangeboten "fischen". Besonders im Zusammenhang mit Fake News und der gezielten Verbreitung von Falschinformationen in sozialen Netzwerken gewinnt das Bild neue Schärfe. Hier wird buchstäblich in der trüben Flut von Daten und Halbwahrheiten nach Gefolgschaft oder finanziellen Vorteilen gefischt. Die Redewendung bleibt somit ein prägnantes sprachliches Werkzeug, um strategisches Ausnutzen von Chaos zu beschreiben.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für analytische oder kritische Texte und Gespräche, in denen es um undurchsichtige Machenschaften geht. Sie passt in politische Reden, journalistische Kommentare, wirtschaftliche Analysen oder auch in ernsthaftere private Diskussionen über zweifelhafte Geschäftspraktiken. In einer Trauerrede wäre sie unangebracht, da ihr der negative Unterton und der Vorwurf der Berechnung anhaftet. Für einen lockeren Vortrag über allgemeine Lebensweisheiten kann sie jedoch, mit der nötigen Erklärung, durchaus verwendet werden.
Hier einige Beispiele für gelungene Verwendung:
- In einem Meeting: "Lassen Sie uns die Kommunikation transparent halten, damit niemand auf die Idee kommt, in dieser Unsicherheit im Trüben zu fischen."
- In einem politischen Artikel: "Der Versuch, mit pauschaler Systemkritik im Trüben zu fischen, verfängt bei der aufgeklärten Wählerschaft immer weniger."
- In einer Wirtschaftskolumne: "In der Phase der regulatorischen Unklarheit versuchten einige Anbieter, schnell noch im Trüben zu fischen und zweifelhafte Verträge abzuschließen."
Sie sollten die Redewendung meiden, wenn Sie ein neutrales oder positives Verhalten beschreiben möchten. Für das reine Beschreiben von Chaos ohne unlautere Absicht sind Begriffe wie "im Dunkeln tappen" oder "sich in unübersichtlichen Verhältnissen bewegen" besser geeignet.
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