Die Arschkarte haben
Kategorie: Redewendungen
Die Arschkarte haben
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft dieser saloppen Redensart ist erstaunlich präzise belegt und führt uns direkt in die deutsche Alltagskultur der 1970er Jahre. Der Ursprung liegt im Fußball, genauer gesagt in der Einführung der Gelben und Roten Karte bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1970 in Mexiko. Der englische Schiedsrichter Ken Aston entwickelte dieses visuelle System, um Sprachbarrieren zu überwinden. Während die gelbe Karte eine Verwarnung bedeutet, ist die rote Karte die ultimative Strafe: Platzverweis.
Die "Arschkarte" ist eine typisch deutsche, vulgär-pointierte Weiterentwicklung dieses Systems. Sie bezeichnet metaphorisch die ungerechte oder besonders unglückliche Rote Karte. Der Begriff entstand vermutlich in Fan-Kreisen und im Amateurfußball, wo der unglückliche Spieler, der "den Arsch" – also das Nachsehen – hat, mit dieser imaginären Karte belegt wurde. Es ist die Karte für das größtmögliche Pech oder die undankbarste Aufgabe, die man unverschuldet zugespielt bekommt.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung den Besitz einer nicht existierenden Karte, die den "Arsch" betrifft. Übertragen und in der heutigen Bedeutung meint man damit stets eine ungünstige, benachteiligte oder unglückliche Position. Wer "die Arschkarte hat" oder "gezogen hat", ist derjenige, der den Kürzeren zieht, den Schaden hat oder eine unangenehme Pflicht übernehmen muss, oft ohne eigenes Verschulden.
Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, die Redewendung beziehe sich primär auf Scham oder Bloßstellung. Der Kern liegt jedoch weniger in der Schande als vielmehr im unglücklichen Zufall oder der unfairen Zuteilung eines Nachteils. Es geht um das Opfer der Umstände. Ein weiterer Fehler wäre, sie mit aktiver Schuldzuweisung gleichzusetzen. Oft hat der Betroffene die "Arschkarte" einfach durch Pech oder durch Entscheidungen anderer erhalten.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute absolut lebendig und wird in einem breiten Spektrum der Umgangssprache verwendet. Ihre Relevanz geht weit über den Fußballplatz hinaus. Sie ist ein fester Bestandteil in der Alltagskommunikation, in den Medien und sogar in der politischen Berichterstattung.
Man findet sie in Büros, wenn ein Kollege das Wochenend-Dienst übernehmen muss, in Familien, wenn das Los entscheidet, wer den Müll runterbringt, oder in Nachrichtentexten, die beschreiben, welche Bevölkerungsgruppe bei einer Reform benachteiligt wird. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich auch in digitalen Adaptionen nieder: In Online-Spielen oder in Projektmanagement-Tools spricht man scherzhaft davon, wer bei einer unpopulären Aufgabe "die Arschkarte gezogen" hat. Sie dient als prägnante, bildhafte Beschreibung für strukturelle oder zufällige Nachteile.
Praktische Verwendbarkeit
Die Redewendung ist durch ihren vulgären Kern ("Arsch") klar im informellen bis saloppen Bereich angesiedelt. Ihre Verwendbarkeit hängt stark vom Kontext und der gewünschten Tonlage ab.
Für welche Anlässe ist sie besonders geeignet? Perfekt passt sie in lockere Gespräche unter Freunden, in die Sportberichterstattung mit Augenzwinkern oder in kollegiale Runden auf einer gleichen Hierarchie-Ebene. In einem lockeren Vortrag zu einem alltäglichen Thema kann sie als pointierte Metapher für Ungerechtigkeit funktionieren.
Wo wäre sie unangemessen? Sie ist definitiv zu derb für eine Trauerrede, eine offizielle Ansprache, ein formelles Geschäftsschreiben oder ein Bewerbungsgespräch. Auch in Gesprächen mit Vorgesetzten oder Personen, die Sie siezen, sollten Sie auf eine neutralere Formulierung ausweichen.
Hier einige Beispiele für gelungene, natürliche Sätze:
- "In unserer Wohngemeinschaft wurde ausgelost, wer den Abwasch der Party übernimmt. Klar, dass ich mal wieder die Arschkarte gezogen habe."
- "Bei der Umstrukturierung hat die ganze Abteilung die Arschkarte gezogen, aber besonders betroffen ist das Marketing."
- "Der Stürmer bekam nach einer Notbremse an der Strafraumgrenze die Rote Karte. Da hat er wirklich die absolute Arschkarte bekommen!"
Um die Redewendung abzuschwächen, kann man sie auch umschreiben, z.B. mit "den Kürzeren ziehen" oder "das Nachsehen haben". Die originale Form bleibt jedoch die mit der stärksten, bildhaft-pointierten Aussagekraft für Situationen, die ein gewisses Maß an Frust oder Ungerechtigkeitsempfinden transportieren sollen.
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