Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen
Kategorie: Redewendungen
Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "Den lieben Gott einen guten Mann sein lassen" ist ein klassisches Beispiel für den volkstümlichen, oft respektlosen Umgang mit religiösen Motiven in der deutschen Sprache. Ihre Wurzeln liegen vermutlich im 19. Jahrhundert und sind eng mit der bürgerlichen und bäuerlichen Lebenswelt verbunden. Sie spiegelt eine Haltung wider, die nicht gottlos, aber doch sehr pragmatisch und von einem gewissen gesunden Egoismus geprägt ist. Der Ausdruck taucht in vergleichbarer Form auch in anderen Sprachen auf, etwa im Englischen als "to let God be a good fellow", was auf einen gemeinsamen europäischen Kulturraum schließen lässt. Eine erste schriftliche Fixierung findet sich in Sammlungen deutscher Sprichwörter und Redensarten aus der Zeit der Romantik, wo sie als Beispiel für eine salopp-fromme Resignation angeführt wird.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen fordert die Redewendung dazu auf, Gott, der ja definitionsgemäß ein "guter Mann" ist, in diesem Zustand zu belassen. Die übertragene Bedeutung ist jedoch eine ganz andere: Man soll sich nicht übermäßig sorgen, nicht alles bis ins letzte Detail kontrollieren wollen oder sich in unnötige Probleme hineinsteigern. Es ist ein Aufruf zur Gelassenheit und zum Vertrauen. Ein typisches Missverständnis besteht darin, in der Phrase eine blasphemische oder gotteslästerliche Absicht zu sehen. Das ist in der Regel nicht der Fall. Vielmehr steckt darin ein fast vertrauliches, beinahe kumpelhaftes Verhältnis zur höchsten Instanz, das sagt: "Gott wird es schon richten, also mach dir keinen Kopf." Es ist die sprachliche Entsprechung eines Schulterklopfens in einer stressigen Situation.
Relevanz heute
Die Redewendung hat auch im modernen Sprachgebrauch durchaus noch ihre Berechtigung, auch wenn sie vielleicht nicht mehr zum alltäglichen Wortschatz der jüngeren Generation gehört. Sie erlebt immer dann eine kleine Renaissance, wenn das Thema Stressbewältigung und Achtsamkeit diskutiert wird. In einer Zeit, die von Optimierungszwang und der Illusion totaler Kontrolle geprägt ist, wirkt der Spruch wie ein befreiendes Gegenmittel. Man findet ihn daher oft in eher reflexiven oder beratenden Kontexten, sei es in persönlichen Gesprächen über Work-Life-Balance, in Kolumnen oder in lockeren Vorträgen zum Thema Entspannung. Sie dient als griffige, bildhafte Zusammenfassung für die Einsicht, dass man nicht alles im Leben steuern kann und muss.
Praktische Verwendbarkeit
Diese Redensart eignet sich hervorragend für informelle bis halbformelle Situationen, in denen Sie Gelassenheit vermitteln oder zu ihr aufrufen möchten. In einer offiziellen Trauerrede oder einem hochpolitischen Statement wäre sie wahrscheinlich zu salopp und könnte missverstanden werden. Ideal ist sie dagegen im Gespräch unter Freunden, in einem lockeren Team-Meeting zur Projektbesprechung oder in einem Blogbeitrag über persönliche Entwicklung.
Hier einige Beispiele für gelungene Verwendungen:
- In einem Beratungsgespräch: "Sie haben alle Vorbereitungen getroffen, die in Ihrer Macht stehen. Jetzt sollten Sie den lieben Gott einen guten Mann sein lassen und abwarten."
- Im privaten Umfeld: "Ständig grübelst du über alle Eventualitäten nach. Irgendwann musst du auch mal den lieben Gott einen guten Mann sein lassen."
- In einer Präsentation zum Thema Projektrisiken: "Ein Restrisiko bleibt immer. Eine gewisse Portion gesundes Vertrauen, im Sinne von 'den lieben Gott einen guten Mann sein lassen', gehört auch zum erfolgreichen Management dazu."
Der Ton ist dabei stets leicht, beruhigend und ein wenig weise. Die Redewendung wirkt am besten, wenn sie nicht mit ironischer Schärfe, sondern mit einem verständnisvollen Lächeln vorgetragen wird.
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