Den Bock zum Gärtner machen
Kategorie: Redewendungen
Den Bock zum Gärtner machen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Herkunft dieser Redewendung ist nicht mit letzter Sicherheit auf ein einzelnes Ereignis zurückzuführen. Es existieren jedoch mehrere starke und plausible Theorien, die sich auf historische oder literarische Quellen stützen. Eine der geläufigsten Erklärungen führt die Wendung auf die Fabel "Der Wolf als Hirte" des griechischen Dichters Äsop zurück. In dieser Geschichte überträgt ein Hirte die Aufsicht über seine Herde einem Wolf, der sich als Schafsfreund ausgibt, mit vorhersehbar katastrophalem Ergebnis. Diese Moral wurde im Laufe der Jahrhunderte in viele Sprachen und Kulturen übertragen. Im deutschen Sprachraum findet sich eine frühe schriftliche Fixierung bei Martin Luther, der 1530 in einer Tischrede schrieb: "Wer will den Bock zum Gärtner setzen?" Damit kritisierte er die Einsetzung von Personen in Ämter, die den eigentlichen Zweck der Position konterkarieren würden. Das Bild ist ebenso einleuchtend wie zeitlos: Ein Bock, bekannt für seinen Appetit auf junge Triebe und Pflanzen, wäre der denkbar schlechteste Wächter für einen Garten.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung "den Bock zum Gärtner machen" beschreibt eine grundlegend verfehlte Personalentscheidung. Im übertragenen Sinn bedeutet sie, jemandem eine Aufgabe, Verantwortung oder Kontrolle zu übertragen, der entweder ein natürliches Interesse daran hat, das Gegenteil des Gewünschten zu tun, oder der aufgrund seiner charakterlichen Eignung völlig ungeeignet ist. Wörtlich genommen wäre es absurd, ein pflanzenfressendes Tier zum Beschützer eines Gartens zu ernennen. Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es ginge einfach um Inkompetenz. Der Kern der Aussage ist jedoch viel schärfer: Es geht um einen Interessenkonflikt. Die Person (der "Bock") hat ein intrinsisches Motiv, die Sache ("den Garten") zu schädigen oder zu ihrem eigenen Vorteil auszunutzen. Eine kurze Interpretation lautet daher: Man setzt den natürlichen Feind einer Sache zu ihrem Hüter ein und wundert sich anschließend über das Desaster.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser Redewendung ist ungebrochen hoch. Sie wird nach wie vor häufig in politischen Debatten, wirtschaftlichen Kommentaren und gesellschaftlichen Diskussionen verwendet. Immer dann, wenn es um Machtübertragung, Kontrollinstanzen oder Aufsichtsfunktionen geht, bietet sich dieses Bild an. In der Gegenwart findet man Anwendungen etwa in der Kritik an Lobbyismus, wenn ein ehemaliger Manager einer umweltbelastenden Industrie zum Leiter einer Umweltschutzbehörde berufen wird. Auch in der Medienberichterstattung über Wirtschaftsskandale ist die Phrase präsent, wenn Kontrollgremien versagt haben, weil sie mit befangenen Personen besetzt waren. Die Redewendung schlägt somit eine direkte Brücke von der antiken Fabel zu modernen Fragen der Governance, Compliance und politischen Ethik.
Praktische Verwendbarkeit
Diese Redewendung eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen eine pointierte und bildhafte Kritik an einer Fehlentscheidung geübt werden soll. Sie ist in formellen wie informellen Situationen wirksam, sollte aber aufgrund ihrer Schärfe mit Bedacht eingesetzt werden.
- Geeignete Kontexte: Politische Kommentare, Leitartikel, kritische Vorträge (z.B. zu Wirtschaftsethik), Diskussionen über Unternehmensführung. In einer Trauerrede wäre sie unpassend, es sei denn, man charakterisierte damit auf ironische Weise eine liebenswerte Schwäche des Verstorbenen.
- Beispiele für gelungene Sätze: "Die Ernennung des ehemaligen Konzernlenkers zum Verbraucherschützer war, mit Verlaub, den Bock zum Gärtner machen." Oder im Alltag: "Wenn Sie den Kollegen, der ständig zu spät kommt, für die Zeiterfassung verantwortlich machen, dann machen Sie doch den Bock zum Gärtner."
- Tonfall: Die Wendung kann sarkastisch, warnend oder analytisch klingen. Sie ist selten flapsig, sondern trägt immer ein gewisses Gewicht der Fundamentalkritik. In sehr lockeren Gesprächen unter Freunden kann sie übertrieben wirken, es sei denn, man beschreibt eine offensichtlich absurde Situation.
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