Auf dem Aussterbeetat stehen
Kategorie: Redewendungen
Auf dem Aussterbeetat stehen
Autor: unbekannt
Herkunft
Die Redewendung "auf dem Aussterbeetat stehen" ist eine relativ junge sprachliche Bildung, die sich im 20. Jahrhundert etablierte. Ihr Ursprung liegt in der Verwaltungssprache, genauer gesagt im Etatwesen. Ein "Etat" ist ein Haushaltsplan, eine festgelegte Liste von Ausgaben und Einnahmen. In Museen, Bibliotheken oder zoologischen Gärten gab und gibt es bisweilen einen speziellen Posten im Budget, der für "aussterbende" oder nicht mehr benötigte Dinge vorgesehen ist. Dieser "Aussterbeetat" diente dazu, die letzten Kosten für etwas zu decken, das bald nicht mehr existieren oder gebraucht werden würde – etwa die Pflege eines letzten Exemplars einer Tierart oder die Erhaltung einer veralteten Technologie, bevor sie endgültig verschwindet. Die bildhafte Übertragung dieser buchhalterischen Kategorie auf Personen, Gegenstände oder auch Verhaltensweisen, die kurz vor dem Verschwinden stehen, ergab sich daraus nahezu von selbst. Die genaue erste schriftliche Erwähnung ist schwer zu pin-pointen, doch der Gebrauch verbreitete sich insbesondere in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in der Alltagssprache.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Redewendung den Zustand, auf einer Liste für Dinge zu stehen, die aussterben. Die übertragene Bedeutung ist jedoch vielschichtig. Sie sagt aus, dass eine Sache, eine Person, ein Brauch oder eine Technologie akut vom Verschwinden bedroht ist und nur noch in Restbeständen existiert. Es ist ein Zustand des unmittelbar bevorstehenden Endes, jedoch mit einem Hauch von Verwaltung und geplanter Abwicklung. Ein häufiges Missverständnis liegt in der Annahme, es handele sich um einen natürlichen, biologischen Vorgang wie beim Aussterben einer Tierart. Während dies ein Anwendungsfall sein kann, bezieht sich die Redewendung ebenso auf kulturelle Phänomene (Dialekte, Handwerksberufe) oder technische Geräte (Telefonzellen, Schreibmaschinen). Die Kerninterpretation lautet: Die betreffende Sache hat ihre Relevanz und Verbreitung weitgehend verloren und hält sich nur noch in Nischen oder als letztes Exemplar; ihr endgültiges Ende ist absehbar und wird quasi schon budgetiert.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute äußerst lebendig und relevant, vielleicht sogar relevanter denn je. In einer Zeit des rasanten technologischen und gesellschaftlichen Wandels bietet sie die perfekte sprachliche Schublade, um diesen Wandel zu beschreiben. Sie wird verwendet, um den Niedergang von analogen Technologien zu kommentieren ("Die DVD steht auf dem Aussterbeetat"), das Verschwinden traditioneller Berufe ("Der Dorfbäcker steht auf dem Aussterbeetat") oder auch den Rückgang bestimmter Verhaltensweisen ("Der handgeschriebene Brief steht auf dem Aussterbeetat"). In Diskussionen über den Erhalt von Kulturgut oder Biodiversität ist sie ebenfalls ein gängiger Begriff. Sie schafft es, eine nüchterne, fast schon bürokratische Note in emotionale Debatten zu bringen, und wird daher sowohl im journalistischen als auch im alltäglichen Sprachgebrauch häufig herangezogen.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für leicht ironische oder sachlich-konstatierende Aussagen in verschiedenen Kontexten. In einem lockeren Vortrag oder einem Blogbeitrag über Technologietrends klingt sie passend und verständlich. Auch in einer Rede, die sich mit dem Wandel der Arbeitswelt befasst, kann sie effektiv eingesetzt werden. In einer Trauerrede wäre sie hingegen zu technisch und unpersönlich, es sei denn, man möchte bewusst eine distanzierte, vielleicht sogar zynische Note setzen, was selten angemessen ist. Sie ist weder flapsig noch salopp, sondern eher bildungssprachlich geprägt, jedoch weit genug verbreitet, um nicht elitär zu wirken.
Gelungene Anwendungsbeispiele:
- In einem Gespräch über Handwerk: "Leider stehen viele traditionelle Handwerksberufe wie der des Schuhmachers heute auf dem Aussterbeetat."
- In einem technischen Kommentar: "Angesichts der Cloud-Speicher könnte die externe Festplatte für Privatanwender bald auf dem Aussterbeetat stehen."
- In einer kulturpolitischen Debatte: "Wenn wir nichts unternehmen, stehen unsere regionalen Dialekte in zwei Generationen auf dem Aussterbeetat."
Die Redewendung ist besonders geeignet für Kontexte, in denen man einen unaufhaltsamen und bereits weit fortgeschrittenen Rückgang beschreiben möchte, ohne dabei übermäßig dramatisch oder emotional zu werden. Sie impliziert eine gewisse Resignation oder nüchterne Feststellung und eignet sich daher weniger für Appelle zum sofortigen Handeln, sondern mehr für die Beschreibung einer bereits eingetretenen Entwicklung.
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