Am Arsch der Welt
Kategorie: Redewendungen
Am Arsch der Welt
Autor: unbekannt
Herkunft
Die genaue Entstehungsgeschichte dieser saloppen Redensart liegt im Dunkeln, was bei solch bildhaften Ausdrücken nicht ungewöhnlich ist. Eine plausible und oft zitierte Theorie führt sie auf die Zeit der großen Entdeckungen und die kartografische Darstellung der Welt zurück. Auf alten Weltkarten, insbesondere den sogenannten Mappae Mundi des Mittelalters, war das bekannte Land oft als scheibenförmige Insel dargestellt. An den Rändern dieser Scheibe, jenseits des bekannten und zivilisierten Bereiches, begann das unbekannte, gefährliche "Nirgendwo". Dieser äußerste Rand wurde scherzhaft oder abwertend als "das Ende der Welt" oder "der Arsch der Welt" bezeichnet – der Punkt, an dem die Welt einfach aufhört. Eine andere, volkstümlichere Erklärung sieht den Ursprung in der ländlichen Erfahrungswelt: Der abgelegenste, unwirtlichste und am wenigsten geschätzte Teil eines Bauernhofes oder einer Gemarkung wurde früher mit ähnlichen Begriffen belegt. Die Redewendung ist seit dem 19. Jahrhundert schriftlich belegt und wurde durch den Soldatenjargon und die Umgangssprache weiter verbreitet.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen beschreibt die Phrase einen sehr konkreten, wenn auch anatomisch-kreativen Ort: das äußerste Ende der physischen Welt. Übertragen und in der heutigen Verwendung meint sie jedoch etwas ganz anderes. "Am Arsch der Welt" bezeichnet einen Ort, der als extrem abgelegen, schwer erreichbar und von allem Zentrum des Geschehens abgeschnitten empfunden wird. Es ist die Steigerung von "auf dem Land" oder "in der Pampa". Ein typisches Missverständnis besteht darin, den Ausdruck mit Armut oder Rückständigkeit gleichzusetzen. Das ist nicht zwangsläufig der Fall. Ein modernes, luxuriöses Ferienhaus in den einsamen Bergen Neuseelands kann genauso "am Arsch der Welt" liegen wie ein verlassener Bauernhof in der Prärie. Der Kern der Bedeutung ist die empfundene extreme geografische und soziale Distanz zu urbanen Zentren, Infrastruktur und dem, was man als "dabei sein" versteht. Die Redewendung transportiert immer eine subjektive Bewertung und meist eine Portion genervter Resignation des Sprechers.
Relevanz heute
Die Redewendung ist heute lebendiger denn je. In einer globalisierten, vernetzten Welt, in der man per Smartphone von überall aus erreichbar ist, hat sich das Gefühl der Abgeschiedenheit paradoxerweise sogar verschärft. Wer keine stabile Internetverbindung hat, fühlt sich tatsächlich "abgehängt". Die Phrase wird daher nach wie vor häufig und in vielfältigen Kontexten verwendet. Sie dient zur Beschreibung von Außenstellen eines Unternehmens, von abgelegenen Urlaubszielen, des neuen Wohnorts eines Freundes oder einfach des Ortes, an den einen eine verspätete Bahn verschlagen hat. Sie hat auch Einzug in die Werbung und Popkultur gehalten, oft mit einem ironischen Unterton. Die Redewendung schlägt somit perfekt die Brücke zur Gegenwart, denn sie artikuliert ein zeitloses menschliches Gefühl – das der Isolation und der weiten Entfernung – mit einer Direktheit, die in unserer lockeren Kommunikationskultur gut ankommt.
Praktische Verwendbarkeit
Die Verwendung dieser Redensart ist klar dem informellen, umgangssprachlichen Bereich vorbehalten. Sie eignet sich hervorragend für lockere Gespräche unter Freunden, in der Familie oder im kollegialen Umfeld, sofern der Ton allgemein salopp ist.
Geeignete Kontexte:
- In einer humorvollen Anekdote während eines informellen Vortrags ("...und dann stellte sich heraus, dass das Meeting in einer Niederlassung am Arsch der Welt stattfand...").
- In privaten Erzählungen über Reiseerlebnisse oder Wohnungssuche ("Das Ferienhaus war traumhaft, aber lag echt am Arsch der Welt.").
- Zur dramatisierenden Beschreibung eines unbeliebten Dienstweges oder Umzugs.
Ungeeignete Kontexte:
- Formelle Anlässe wie Trauerreden, offizielle Ansprachen, Presseerklärungen oder Geschäftsbriefe.
- Gespräche mit Vorgesetzten oder Personen, zu denen Sie ein distanziertes Verhältnis pflegen, es sei denn, Sie wissen um deren lockeren Sprachgebrauch.
- Jede Situation, in der die Gefahr besteht, dass die derbe Bildhaftigkeit ("Arsch") als unprofessionell oder respektlos aufgefasst werden könnte.
Beispiele für gelungene Sätze:
"Schön, dass Sie uns gefunden haben! Unsere neue Werkstatt liegt ja ein bisschen am Arsch der Welt."
"Ich würde den Job sofort nehmen, aber der Standort ist leider jenseits von gut und böse – wirklich am absoluten Arsch der Welt."
"Die Wanderung führte uns in Gegenden, die ich nur als 'am Arsch der Welt' bezeichnen kann. Die Stille war atemberaubend."
Wichtig ist stets die Betonung der subjektiven Empfindung. Sie beschreiben nicht einen objektiv messbaren Ort, sondern Ihr persönliches Gefühl der Abgeschiedenheit.
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