Das Böse wird erstrebt nicht durch Hinwendung zu etwas, …
Das Böse wird erstrebt nicht durch Hinwendung zu etwas, sondern durch Abwendung von etwas.
Autor: Thomas von Aquin
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Das Böse wird erstrebt nicht durch Hinwendung zu etwas, sondern durch Abwendung von etwas" stammt aus dem Werk "Der Begriff der Angst" des dänischen Philosophen und Theologen Søren Kierkegaard. Das Buch wurde 1844 unter dem Pseudonym Vigilius Haufniensis veröffentlicht. Der Kontext ist eine tiefenpsychologische und philosophische Untersuchung des menschlichen Freiheitsbewusstseins, der Sünde und der Angst. Kierkegaard argumentiert hier gegen ein simplistisches Verständnis des Bösen als aktive Wahl einer bösen Tat. Stattdessen analysiert er, wie der Mensch sich durch eine passive, ängstliche Abwendung vom Guten, von der Verantwortung oder von sich selbst in den Sog des Unrechts begibt. Diese Formulierung ist somit kein geflügeltes Wort im traditionellen Sinn, sondern ein zentraler Gedanke der existentialistischen Philosophie, der später von Denkern wie Martin Heidegger oder Jean-Paul Sartre aufgegriffen und weiterentwickelt wurde.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung, besser gesagt das philosophische Diktum, entfaltet seine Bedeutung auf mehreren Ebenen. Wörtlich beschreibt es einen paradoxen Mechanismus: Man gelangt nicht zum Bösen, indem man es direkt anpeilt ("Hinwendung"), sondern indem man sich von etwas anderem abkehrt ("Abwendung").
Übertragen und interpretiert bedeutet dies: Das eigentliche Unheil entsteht oft aus Passivität, Gleichgültigkeit oder Feigheit. Es ist das Unterlassen, das Wegschauen, das Verleugnen von Wahrheit oder Verantwortung, das schließlich in schuldhaftes Handeln mündet. Ein typisches Missverständnis wäre, diese Aussage als Entschuldigung zu lesen. Sie ist jedoch das Gegenteil: eine scharfe Zuspitzung der Verantwortung. Sie macht deutlich, dass wir nicht nur für unsere Taten, sondern auch für unsere bewussten oder unbewussten Unterlassungen und Fluchtbewegungen verantwortlich sind. Das Böse ist demnach kein fremdes Monster, zu dem man hingeht, sondern ein Zustand, in den man hineinrutscht, wenn man sich von seinen ethischen und menschlichen Verpflichtungen abwendet.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser Einsicht ist ungebrochen. In einer Zeit, die von komplexen globalen Krisen, politischer Polarisierung und der Flut digitaler Informationen geprägt ist, gewinnt Kierkegaards Gedanke neue Schärfe. Wir erleben oft kein aktives Bekenntnis zum Schlechten, sondern ein Abdriften durch bewusste Ignoranz. Klimawandel, soziale Ungerechtigkeit oder die Erosion demokratischer Normen werden häufig nicht durch böswillige Pläne vorangetrieben, sondern durch die kollektive Abwendung von unbequemen Fakten, durch Bequemlichkeit oder durch die Flucht in einfache Antworten. Die Redewendung bietet ein analytisches Werkzeug, um gesellschaftliche wie persönliche Fehlentwicklungen zu verstehen. Sie findet sich daher nicht im alltäglichen Sprachgebrauch, sondern in anspruchsvollen Debatten, in philosophischen oder psychologischen Essays und in Reflexionen über persönliche und politische Ethik.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausspruch ist kein lockeres Sprichwort für den Smalltalk. Seine Verwendung erfordert einen Kontext, der der Tiefe des Gedankens gerecht wird. Er eignet sich hervorragend für reflektierende Vorträge, philosophische Diskussionen, anspruchsvolle Kommentare oder auch in einer Trauerrede, um über Versäumnisse und die Natur von Schuld nachzudenken.
In einem lockeren Gespräch würde er wahrscheinlich zu hart und zu akademisch wirken. Passend ist er dort, wo es um die Analyse von Motivation, Schuld oder gesellschaftlichem Versagen geht. Hier einige Beispiele für gelungene Einbindungen:
- In einem Vortrag über Unternehmensethik: "Skandale entstehen selten durch einen genialischen Masterplan zum Betrug. Oft bestätigen sie Kierkegaards Einsicht, dass das Böse durch Abwendung erstrebt wird – durch das Wegsehen der Aufsichtsräte, das Überhören der Whistleblower und die Abwendung von den eigenen Leitlinien."
- In einer persönlichen Reflexion: "Wenn ich an unsere zerrüttete Beziehung denke, merke ich, dass der Bruch nicht durch eine große böse Tat kam. Es war diese langsame, stetige Abwendung voneinander, das Nachlassen der Aufmerksamkeit, das Kierkegaard so treffend beschrieben hat."
- In einem politischen Kommentar: "Der Autoritarismus gewinnt nicht immer durch laute Umsturzversuche an Boden. Häufiger ist es die stille Abwendung der Bürger von ihrer demokratischen Pflicht zur Wachsamkeit und zum Diskurs, die den Boden bereitet."
Nutzen Sie diesen Gedanken also als präzises Werkzeug für tiefgründige Analysen, nicht als geflügeltes Wort für den täglichen Gebrauch.
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