Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten …

Das Geringste an Erkenntnis, das einer über die erhabensten Dinge zu gewinnen vermag, ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen Dingen.

Autor: Thomas von Aquin

Herkunft

Die Aussage stammt aus dem Werk "Summa contra Gentiles" (etwa: "Die Summe gegen die Heiden") des mittelalterlichen Theologen und Philosophen Thomas von Aquin. Dieses Werk entstand zwischen 1259 und 1265. Der genaue Wortlaut im lateinischen Original lautet: "Minimum quod possumus scire de altissimis, maioris est rationis quam certissimum quod possumus scire de minimis." Der Kontext ist eine philosophische Abhandlung über die Natur Gottes und der Schöpfung. Thomas von Aquin argumentiert hier, dass selbst die kleinste und unsicherste Erkenntnis über die höchsten Dinge – also über Gott und metaphysische Wahrheiten – wertvoller ist als das sicherste Wissen über die niederen, irdischen Dinge.

Biografischer Kontext

Thomas von Aquin (1225–1274) war ein italienischer Dominikanermönch, der das Denken des Abendlandes wie kaum ein anderer geprägt hat. Seine Relevanz liegt nicht in erster Linie in frommen Legenden, sondern in seinem radikalen Vertrauen auf die Vernunft. In einer Zeit, in der Glaube und Vernunft oft als Gegensätze galten, zeigte er ihren harmonischen Zusammenhang auf. Er war überzeugt, dass die menschliche Vernunft – wenn auch begrenzt – zu wahren Erkenntnissen über die Welt und sogar über Gott gelangen kann, weil beide derselben göttlichen Logik entspringen. Seine Weltsicht ist besonders, weil sie eine großartige Synthese aus christlicher Theologie und der Philosophie des Aristoteles schuf. Was ihn bis heute faszinierend macht, ist sein systematischer, fast naturwissenschaftlicher Ansatz, die größten Fragen der Menschheit mit klarer Logik anzugehen. Sein Denken bildet die Grundlage der katholischen Lehre und beeinflusst nach wie vor Debatten über Ethik, Recht und das Verhältnis von Wissenschaft und Glaube.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich vergleicht der Satz zwei Arten von Wissen: ein winziges Stückchen Einsicht in "erhabene Dinge" (wie Sinnfragen, Moral, Transzendenz) und ein absolut sicheres, umfangreiches Wissen über "niedere Dinge" (wie materielle Fakten, Handwerk, Alltagspraktiken). Übertragen stellt er eine fundamentale Wertung auf: Die Qualität des Gegenstandes unseres Wissens ist wichtiger als die Quantität oder Sicherheit des Wissens selbst. Ein typisches Missverständnis wäre, dies als pauschale Verurteilung von Naturwissenschaft oder praktischem Können zu lesen. Das ist nicht der Fall. Es geht um eine Hierarchie der Bedeutung. Die Redewendung plädiert dafür, dass die Suche nach Weisheit und die Reflexion über das "Große und Ganze" einen höheren Stellenwert im menschlichen Leben haben sollte als die reine Anhäufung von Faktenwissen, so nützlich dieses auch sein mag. Es ist ein Appell, den Blick vom rein Nützlichen und Messbaren auch auf das zu richten, was unser Dasein eigentlich ausmacht.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute brisanter denn je. In einer Gesellschaft, die von Datenflut, Spezialistentum und der Messbarkeit aller Lebensbereiche geprägt ist, wirft sie eine entscheidende Gegenfrage auf: Macht uns mehr Information auch weiser? Die Redewendung wird selten wörtlich zitiert, aber ihr Gedanke taucht ständig in Debatten über Bildung (Bildung vs. Ausbildung), in Kritik am reinen Utilitarismus oder in der Sinnsuche in einer technisierten Welt auf. Sie ist die philosophische Grundlage für die Warnung vor der "Tyrannei des Messbaren", wo nur das zählt, was sich in Zahlen ausdrücken lässt. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich dort, wo Menschen spüren, dass technischer Fortschritt allein keine Antworten auf Fragen nach Gerechtigkeit, Glück oder einem erfüllten Leben gibt.

Praktische Verwendbarkeit

Dies ist keine Redewendung für den lockeren Plausch an der Kaffeetasse. Ihr Einsatzgebiet sind anspruchsvolle Kontexte, in denen es um grundsätzliche Wertediskussionen geht. Sie eignet sich hervorragend für Vorträge, Essays oder Reden zu Themen wie Bildung, Wissenschaftsethik oder persönlicher Lebensführung. In einer Trauerrede könnte sie, mit Feingefühl eingesetzt, den Wert eines Lebens hervorheben, das nach Weisheit und Tiefe strebte, statt nach äußerem Erfolg. In einem Gespräch über schulische oder universitäre Lehrpläne dient sie als pointiertes Argument für die Bedeutung geisteswissenschaftlicher und philosophischer Fächer. Ein gelungenes Anwendungsbeispiel in einer Rede wäre: "In unserem Streben nach immer mehr Daten und Effizienz sollten wir den Satz des Thomas von Aquin nicht vergessen: Das Geringste an Erkenntnis über die erhabensten Dinge ist ersehnenswerter als das gewisseste Wissen von den niederen. Lassen Sie uns also auch Raum schaffen für die Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt." Sie wäre zu salopp oder flapsig in einer Diskussion über rein praktische Probleme, da ihr grundsätzlicher Charakter dort als weltfremd empfunden werden könnte.

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