Wir rennen unbekümmert in den Abgrund, nachdem wir …

Wir rennen unbekümmert in den Abgrund, nachdem wir irgendetwas vor uns hingestellt haben, das uns hindern soll, ihn zu sehen.

Autor: Blaise Pascal

Herkunft

Die prägnante Formulierung "Wir rennen unbekümmert in den Abgrund, nachdem wir irgendetwas vor uns hingestellt haben, das uns hindern soll, ihn zu sehen" wird häufig dem französischen Philosophen und Schriftsteller Blaise Pascal (1623-1662) zugeschrieben. Ein exakter Beleg in seinen veröffentlichten Werken, insbesondere den "Pensées", ist jedoch nicht eindeutig auffindbar. Es handelt sich vielmehr um eine moderne, pointierte Zusammenfassung einer zentralen pascalschen Idee. Pascal beschäftigte sich intensiv mit der menschlichen Ablenkung ("divertissement"). Er argumentierte, dass der Mensch seine eigene Verlorenheit und die Angst vor dem Ungewissen, dem "Abgrund" seiner Existenz, durch ständige Beschäftigung und oberflächliche Zerstreuung zu verdrängen sucht. Die genannte Sentenz fasst diesen Gedanken in ein einprägsames Bild. Da eine hundertprozentige Quellensicherheit nicht gegeben ist, wird auf eine detaillierte Herkunftsangabe verzichtet.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung beschreibt ein tiefes menschliches Verhaltensmuster mit metaphorischer Schärfe. Wörtlich genommen malt sie das Bild einer Person, die sich sehenden Auges, aber sorglos, auf einen Abgrund zubewegt. Um die direkte Konfrontation mit dieser Gefahr zu vermeiden, stellt sie ein beliebiges Hindernis davor – einen Bildschirm, ein Buch, eine Mauer aus Aktivitäten. Dieses Hindernis soll den Blick versperren, nicht den Sturz verhindern.

Übertragen kritisiert die Aussage unsere Neigung, unbequeme Wahrheiten und existenzielle Risiken aktiv auszublenden, anstatt sie zu bewältigen. Das "Hinstellen" symbolisiert alle Formen der Ablenkung, Verdrängung und Selbsttäuschung. Ein typisches Missverständnis wäre zu glauben, es ginge nur um Leichtsinn. Es geht jedoch um eine bewusste, wenn auch oft unbewusst motivierte Strategie: Wir wissen um den Abgrund, aber wir arrangieren unser Leben so, dass wir ihn nicht ständig sehen müssen. Die Tragik liegt darin, dass die getroffene Maßnahme völlig wirkungslos gegen die eigentliche Gefahr ist. Wir fühlen uns nur sicherer, während wir uns in Wirklichkeit in größere Gefahr begeben.

Relevanz heute

Die Aktualität dieser knapp 400 Jahre alten Einsicht könnte kaum größer sein. In einer Zeit der permanenten Berieselung mit Informationen und Unterhaltung bietet das Zitat eine scharfe Linse, um individuelle und gesellschaftliche Verhaltensweisen zu deuten.

Persönlich nutzen wir das ständige "Hinstellen" von Smartphones, Social-Media-Feeds und Streaming-Diensten, um uns von existenziellen Fragen, Ängsten oder der Langeweile mit uns selbst abzulenken. Gesellschaftlich beobachten wir dieses Muster im Umgang mit großen Herausforderungen wie der Klimakrise, politischer Polarisierung oder ökonomischer Unsicherheit. Oft werden symbolische Debatten, kurzfristige Lösungen oder mediale Nebelkerzen "vor den Abgrund gestellt", um den unangenehmen Blick auf die grundlegenden, systemischen Probleme und die notwendigen, unbequemen Veränderungen zu verhindern. Die Redewendung ist somit ein zeitloses Werkzeug zur Kulturkritik und Selbstreflexion.

Praktische Verwendbarkeit

Dieser Ausdruck eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um tiefgründige Analysen, Kritik oder die Ermutigung zur Ehrlichkeit geht. Aufgrund seiner philosophischen Tiefe und bildhaften Stärke ist er weniger für lockere Alltagsplaudereien geeignet.

Ideale Anlässe sind Vorträge, Kolumnen, Essays oder anspruchsvolle Diskussionen, die sich mit Psychologie, Gesellschaftskritik, Politik oder Strategiefehlen befassen. In einer Trauerrede könnte die Redewendung sehr einfühlsam thematisieren, wie wir oft versuchen, den Schmerz des Verlustes durch Geschäftigkeit zu überdecken. Sie wäre zu hart oder abstrakt in einer rein operativen Besprechung, in der es um konkrete Lösungen geht, nicht um grundsätzliche Verhaltensmuster.

Hier finden Sie Beispiele für gelungene Verwendungen:

  • In einem Kommentar zur Klimapolitik: "Die neuen Subventionen sind nur ein weiteres Blatt, das wir vor den Abgrund stellen. Sie ändern nichts am grundsätzlichen Kurs, geben uns aber das beruhigende Gefühl, etwas getan zu haben."
  • In einem Vortrag über digitale Gesundheit: "Unser unbekümmertes Rennen in die Erschöpfung wird begleitet von der Illusion der Verbundenheit. Das Smartphone in unserer Hand ist das perfekte Hindernis, das uns den Abgrund der eigenen Einsamkeit nicht sehen lässt."
  • In einer Selbstreflexion: "Ich erkenne bei mir selbst dieses pascalsche Muster: Ich stelle mir berufliche Hektik vor den Abgrund der Frage, ob ich eigentlich auf dem richtigen Weg bin."

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