Der Nachruf ist meistens besser als der Ruf.

Der Nachruf ist meistens besser als der Ruf.

Autor: Joachim Ringelnatz

Herkunft

Die prägnante Sentenz "Der Nachruf ist meistens besser als der Ruf" ist ein moderner Aphorismus, dessen exakter Ursprung schwer zu fassen ist. Sie taucht häufig in Sammlungen weiser Sprüche und Zitate auf, wird aber selten einem konkreten Autor zugeordnet. Die Idee selbst ist uralt und findet sich in verschiedenen Kulturen. Ein frühes literarisches Echo findet man bei dem römischen Historiker Tacitus, der in seinen "Annalen" über Kaiser Galba schrieb: "omnium consensu capax imperii nisi imperasset" – "nach allgemeiner Meinung wäre er zum Herrschen geeignet gewesen, hätte er nicht geherrscht". Dies beschreibt das Phänomen, dass das Urteil über eine Person nach ihrem Tod oft milder oder positiver ausfällt als die zeitgenössische Meinung zu ihren Lebzeiten. Der prägnante deutsche Satz, wie wir ihn heute kennen, formte sich wahrscheinlich im 20. Jahrhundert als eine volkstümliche Zusammenfassung dieser universellen Lebensbeobachtung.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung arbeitet mit dem Gegensatz zwischen "Ruf" und "Nachruf". Der "Ruf" bezeichnet hier das Ansehen, den Leumund und die allgemeine Meinung, die über eine Person zu deren Lebzeiten kursiert. Dieser ist oft von Neid, Konkurrenz, persönlichen Kränkungen und den täglichen politischen oder sozialen Konflikten geprägt. Der "Nachruf" hingegen ist die Würdigung nach dem Tod, die Nekrolog oder der Nachruhm. Die Aussage der Redewendung ist, dass dieser Nachruf in der Regel wohlwollender, respektvoller und positiver ausfällt als der Ruf zu Lebzeiten. Warum? Weil mit dem Tod oft die unmittelbaren Konflikte enden, menschliche Schwächen in einem milderen Licht erscheinen und die bleibenden Leistungen in den Vordergrund treten. Ein häufiges Missverständnis ist die Annahme, es ginge nur um berühmte Persönlichkeiten. Die Weisheit gilt ebenso im privaten Umfeld: Nach einem Todesfall wird im Trauerhaus oft von den guten Eigenschaften und schönen Erinnerungen gesprochen, während zuvor vielleicht über Fehler und Eigenheiten geklagt wurde. Die Redewendung ist also eine nüchterne, fast resignative Feststellung über die Wandelbarkeit und Relativität menschlicher Urteile.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute so relevant wie eh und je, vielleicht sogar relevanter im Zeitalter von Social Media und "Cancel Culture". Der öffentliche "Ruf" wird in Echtzeit in Kommentarspalten und durch virale Shitstorms gebildet und kann innerhalb von Stunden zerstört werden. Die Redewendung wirkt hier wie ein weiser, zeitloser Kommentar zu dieser Hektik des Urteilens. Sie erinnert uns daran, dass heutige mediale Pranger oder überschwängliche Lobeshymnen selten das endgültige Urteil darstellen. Die historische Distanz und der Abstand durch den Tod führen oft zu einer differenzierteren, gerechteren oder zumindest versöhnlicheren Betrachtung. Man beobachtet dieses Phänomen regelmäßig beim Ableben umstrittener Künstler, Politiker oder Unternehmer. Die hitzigen Debatten ihrer aktiven Zeit werden zunächst beiseitegelegt, und es dominiert eine Würdigung des Lebenswerks. Die Redewendung bietet somit einen philosophischen Anker in einer schnell urteilsfreudigen Zeit.

Praktische Verwendbarkeit

Diese Redewendung ist vielseitig einsetzbar, erfordert aber aufgrund ihres ernsten Themas ein gewisses Fingerspitzengefühl. Sie eignet sich hervorragend für reflektierende Vorträge, Kolumnen oder Essays über Gesellschaft, Medien oder Geschichte. In einer Trauerrede kann sie tröstend wirken, wenn man sie behutsam auf den Verstorbenen bezieht, um die versammelte Trauergemeinde an die positiven Aspekte zu erinnern, die nun im Vordergrund stehen sollten. Im lockeren Gespräch unter Freunden über einen Dritten wäre der Spruch hingegen oft zu zynisch oder hart. Ein unpassender Kontext wäre etwa ein Streitgespräch, in dem man die Redewendung als Vorwurf benutzt ("Du wirst schon sehen, nach deinem Tod ist der Nachruf besser!").

Gelungene Beispiele für die Verwendung sind:

  • In einem Kommentar zur Berichterstattung über einen verstorbenen Staatsmann: "Die nun einsetzende Phase der Würdigung zeigt mal wieder: Der Nachruf ist meistens besser als der Ruf. Die scharfen Kontroversen seiner Amtszeit scheinen für den Moment vergessen."
  • In einer persönlichen Betrachtung: "Bei der Beerdigung meines schwierigen Nachbarn hörte ich nur Gutes über ihn. Es hat mich nachdenklich gemacht und an das alte Wort erinnert, dass der Nachruf eben meistens besser ist als der Ruf."
  • In einem Buch über Unternehmenskultur: "Führungskräfte, die nur auf ihren kurzfristigen Ruf bedacht sind, übersehen, worauf es langfristig ankommt. Denn am Ende zählt der Nachruf, und der ist, wie man weiß, meistens besser."

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