Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, …
Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser prägnante Gedanke stammt aus dem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Er taucht erstmals in der 1819 veröffentlichten ersten Auflage auf. Schopenhauer verwendet den Satz im Kontext seiner Überlegungen zum Lesen und Denken. Für ihn ist wahre geistige Arbeit ein aktiver, anstrengender Prozess des eigenen Denkens. Das Lesen hingegen sieht er als einen eher passiven Vorgang, bei dem man die Gedankenbahnen eines anderen durchwandert. Der Ausspruch ist somit ein zentrales Element seiner Warnung vor einer unkritischen Übernahme fremder Ideen, die das eigene Urteilsvermögen lähmen kann.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt der Satz den Vorgang des Lesens als ein Ersetzen der eigenen Gedankentätigkeit durch die eines anderen. Man leiht sich gewissermaßen das Gehirn des Autors. In der übertragenen Bedeutung ist es eine kritische Reflexion über die geistige Haltung beim Lesen. Schopenhauer warnt davor, sich beim Lesen in eine rein rezeptive, unkritische Passivität zu begeben. Ein häufiges Missverständnis ist, dass er das Lesen pauschal verurteilt. Das tut er nicht. Seine Kritik zielt auf das bloße Lesen ohne anschließendes eigenständiges Verarbeiten und Denken ab. Für ihn ist Lesen nur dann wertvoll, wenn es den eigenen Denkapparat anregt und schärft, anstatt ihn auszuschalten. Die Redewendung ist also ein Plädoyer für kritisches, aktives Lesen.
Relevanz heute
Die Aussage ist heute relevanter denn je. In einer Zeit der Informationsüberflutung durch digitale Medien, Social Media und endlose Textströme agieren wir oft als passive Konsumenten von Inhalten. Wir "scrollen" durch fremde Gedanken, ohne inne zu halten, um eigene zu entwickeln. Schopenhauers Warnung ist ein zeitloses Gegenmittel zur geistigen Trägheit. Sie erinnert uns daran, dass Bildung nicht aus der Ansammlung von Zitaten oder geteilten Artikeln besteht, sondern aus der Fähigkeit, diese Informationen zu bewerten, zu hinterfragen und in eigenes Wissen zu verwandeln. Die Redewendung findet daher oft in Diskussionen über Medienkompetenz, Bildung und die Qualität unseres geistigen Lebens Verwendung.
Praktische Verwendbarkeit
Der Satz eignet sich hervorragend für anspruchsvolle Kontexte, in denen es um die Vertiefung von Themen wie Bildung, Kreativität oder kritisches Denken geht.
- Geeignete Kontexte: Einleitungen oder Schlussbetrachtungen in Vorträgen über Pädagogik oder Philosophie. In Essays oder Kolumnen zur digitalen Gesellschaft. Als pointierte Reflexion in einer Buchbesprechung oder in einem anspruchsvollen Blogbeitrag. Auch in einer Rede zur Verleihung eines Literaturpreises kann er als Aufforderung zu eigenständigem Denken dienen.
- Weniger geeignet: Der Ausspruch ist für lockere Alltagsgespräche oder saloppe Situationen zu gewichtig und philosophisch. Er könnte als belehrend oder arrogant wirken, wenn er unvermittelt in eine Diskussion eingeworfen wird.
- Anwendungsbeispiele:
"In unserer Wissensgesellschaft sollten wir Schopenhauers Rat beherzigen: 'Lesen heißt mit einem fremden Kopfe, statt des eigenen, denken.' Erst wenn wir die gelesenen Informationen kritisch reflektieren, werden sie zu echtem Verständnis."
"Dieses Buch fordert den Leser aktiv heraus. Es bestätigt nicht einfach Ihre Ansichten, sondern zwingt Sie zum Mitdenken – eine willkommene Abwechslung in einer Zeit, in der wir oft nur mit fremden Köpfen denken."