Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt denn die …
Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt denn die Dummheiten in der Politik? Sind denn die Gescheitheiten in der Politik gescheiter?
Autor: Karl Kraus
Herkunft
Die prägnante Frage "Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt denn die Dummheiten in der Politik? Sind denn die Gescheitheiten in der Politik gescheiter?" stammt aus dem Werk "Die Sprüche des Konfuzius" von Kurt Tucholsky. Das Buch erschien 1932 unter dem Pseudonym "Peter Panter" im Ernst Rowohlt Verlag. Tucholsky nutzte die fiktive Figur des "Konfuzius", um in kurzen, aphoristischen Sätzen scharfsinnige und oft bittere Kommentare zur politischen und gesellschaftlichen Lage der späten Weimarer Republik abzugeben. Der Kontext ist die zunehmende Polarisierung und der Aufstieg radikaler Kräfte, die Tucholsky mit beißendem Spott und tiefer Sorge betrachtete. Die Redewendung ist somit eine literarische Schöpfung des 20. Jahrhunderts und kein historisches Sprichwort.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung operiert auf zwei Ebenen, die durch eine rhetorische Frage verbunden sind. Wörtlich fragt sie, wer denn politische Fehlentscheidungen anprangere, wenn nicht diejenigen, die sie selbst zu verantworten haben. Die implizite Antwort lautet: Niemand, oder zumindest niemand mit Einfluss, da die Handelnden kaum ihr eigenes Versagen lautstark kritisieren werden.
Die geniale Pointe liegt im zweiten Satz: "Sind denn die Gescheitheiten in der Politik gescheiter?" Hier vollzieht Tucholsky eine sprachliche und gedankliche Volte. Das Wortspiel mit "gescheit" (klug) und "gescheiter" (vergleichend) entlarvt die vermeintliche Klugheit politischer Handlungen als fragwürdig. Es suggeriert, dass auch das, was als kluger Schachzug verkauft wird, am Ende nicht zwangsläufig weiser oder erfolgreicher ist als der offensichtliche Fehler. Die Redewendung zweifelt fundamental an der Rationalität und dem ehrlichen Nutzen politischen Kalküls. Ein typisches Missverständnis wäre, sie als einfache Kritik an "dummen Politikern" abzutun. Vielmehr ist sie eine grundsätzliche Infragestellung des politischen Betriebs an sich, der in ihren Augen oft von Eigennutz, Scheinlogik und einer abgeschotteten Selbstbeweihräucherung geprägt ist.
Relevanz heute
Die Frage hat nichts von ihrer Schärfe und Aktualität verloren. In einer Zeit von Medienecho-Kammern, politischem Marketing und strategischer Kommunikation klingt Tucholskys Zweifel erstaunlich modern. Die Redewendung findet heute Resonanz, wenn Debatten weniger über sachliche Lösungen als über Machterhalt und taktisches Manövrieren zu kreisen scheinen. Sie wird zitiert, um das Gefühl auszudrücken, dass politische Entscheidungen oft von kurzfristigem Kalkül statt von langfristiger Weisheit getrieben sind und dass eine echte, schonungslose Fehlerkultur in der Politik nach wie vor selten ist. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich insbesondere in der öffentlichen Wahrnehmung von Politikversagen und der oft empfundenen Diskrepanz zwischen Ankündigung und Ergebnis.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat ist kein lockeres Alltags-Sprichwort, sondern ein pointiertes rhetorisches Werkzeug für anspruchsvolle Kontexte. Es eignet sich hervorragend für Kommentare, Kolumnen oder kritische Vorträge zu politischen Themen, in denen Sie eine fundamentale Skepsis gegenüber dem politischen Betrieb zum Ausdruck bringen möchten. In einer Rede kann es als provokante These dienen, die dann näher ausgeführt wird.
Vorsicht ist geboten: In einer Trauerrede oder einem versöhnlichen Appell wäre der Zynismus der Stelle völlig fehl am Platz. Auch in einem sachlichen Fachvortrag ohne kritischen Unterton könnte sie als unnötig polemisch wirken. Sie ist ideal für Situationen, in denen geistreiche Schärfe und intellektuelle Herausforderung erwünscht sind.
Gelungene Anwendungsbeispiele wären:
- In einem Leitartikel: "Bei der Debatte um das jüngste Gesetzgebungsverfahren drängt sich mir Tucholskys alte Frage auf: Wer außer den Politikern, die sie begehen, beklagt denn die Dummheiten in der Politik? Die öffentliche Empörung war vernehmbar, doch im Machtzirkel herrschte betretenes Schweigen."
- In einem politischen Essay: "Bevor wir die vermeintlichen 'Masterpläne' der Regierung unkritisch bewundern, sollten wir uns fragen: Sind denn die Gescheitheiten in der Politik wirklich gescheiter? Oft entpuppen sie sich später als schwere Hypotheken für die Zukunft."
Nutzen Sie die Redewendung also gezielt als Stilmittel, um eine tiefsitzende Kritik auf den Punkt zu bringen, die über den konkreten Anlass hinausweist.
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