Karl Kraus Zitate
- Wer war Karl Kraus?
- Gitschin, Papierfabrikant und die Stadt, die ihn formte
- Die Fackel: Eine Zeitschrift als Einmannunternehmen gegen die Welt
- Sprache als Seismograf: Was Kraus an der Presse wirklich auszusetzen hatte
- Die letzten Tage der Menschheit: Ein Drama, das niemand spielen kann
- Sidonie Nádherný: Die Frau auf Schloss Janowitz und Rilkes Sabotage
- Das Schweigen von 1933: Der berühmteste erste Satz, den kaum jemand zu Ende liest
- Getauft, ausgetreten, jüdisch: Die drei Religionen des Karl Kraus
- Frauenbild, Dollfuß, Irma Karczewska: Das unbequeme Kapitel
- Warum Karl Kraus heute so zitiert und so wenig gelesen wird
- Karl Kraus Zitate
Wer war Karl Kraus?
Karl Kraus wurde am 28. April 1874 in Jičín, Böhmen, geboren und starb am 12. Juni 1936 in Wien. Er war österreichischer Schriftsteller, Publizist, Satiriker, Lyriker, Aphoristiker, Dramatiker, Förderer junger Autoren, Sprach-, Kultur- und Medienkritiker. Er gründete 1899 die Zeitschrift Die Fackel und gab sie 37 Jahre lang heraus, ab 1912 als einziger Autor. Das Gesamtwerk der Fackel umfasst fast 23.000 Normalseiten, ein Phänomen der Kultur- und Gesellschaftskritik, das in der Weltliteratur kein Gegenstück hat. Elias Canetti nannte ihn den größten und strengsten Mann, der in Wien lebt. Für andere war er der leibhaftige Gottseibeiuns. Beides lässt sich verstehen, und beides erklärt zusammen, warum er heute so wenig gelesen und so häufig zitiert wird.
Was Kraus von fast allen anderen Figuren in dieser Reihe unterscheidet, ist die Radikalität seines Anspruchs: Er trennte nicht zwischen Stil und Moral, zwischen Sprache und Charakter, zwischen der Art, wie jemand schreibt, und der Art, wie er denkt und handelt. Wer schlecht schreibt, lügt, nicht nur ästhetisch, sondern ethisch. Wer Phrasen benutzt, vertuscht. Wer die Wahrheit vernebelit, macht sich schuldig. Das war kein literarisches Programm. Es war eine Weltanschauung, die jeden Satz, den Kraus je veröffentlichte, zu einer moralischen Aussage machte und jeden Satz, den andere veröffentlichten, zu einem potenziellen Tatbestand. In einer Zeit, in der Propaganda, Medienmanipulation und die Vernebelung von Wirklichkeit durch Sprache zu den zentralen politischen Werkzeugen geworden sind, ist Kraus nicht antiquiert. Er ist erschreckend aktuell.
Gitschin, Papierfabrikant und die Stadt, die ihn formte
Karl Kraus war der jüngste Sohn einer elfköpfigen Familie und wurde 1874 in der böhmischen Kleinstadt Jičín geboren. Seine Vorfahren mütterlicherseits lebten bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts in Jičín. Kraus' Großvater Ignaz Kantor war dort ein hoch angesehener Arzt, der sich im Revolutionsjahr 1848 als Mitglied der böhmischen Nationalgarde engagierte. Der Vater Jacob Kraus war Papierfabrikant und Kaufmann, der aus bescheideneren Verhältnissen stammte und durch Heirat in das bürgerliche Establishment aufgestiegen war. 1877 zog die Familie nach Wien, als Kraus drei Jahre alt war. Wien wurde seine Stadt, sein Thema, sein Kampfplatz und sein Lebensraum für die nächsten fast sechzig Jahre.
Was Wien für Kraus bedeutete, war nicht das Wien der Operetten und der Kaffeehausgemütlichkeit, das seine Zeitgenossen feierten. Es war das Wien der Doppelmoral, der Presse, die Meinung als Tatsache verkaufte, der Gesellschaft, die hinter höflichen Formen ihr Versagen verbarg, und der Politiker, die mit Phrasen regierten. Er empfing in den 1880er Jahren starke, lebenslang wirkende Theatereindrücke im Burgtheater. Das Theater blieb sein Modell: nicht als Institution, die er bewunderte, sondern als Form, die er verinnerlichte. Er dachte dramatisch, in Szenen, Dialogen, Zuspitzungen. Wien war für Karl Kraus das, was Athen für Sokrates war: die Stadt, in der alles, was er kritisierte, am dichtesten konzentriert war, und deshalb der einzige Ort, an dem sein Werk entstehen konnte.
Die Fackel: Eine Zeitschrift als Einmannunternehmen gegen die Welt
Die Fackel erschien erstmals im April 1899 mit einem Umfang von 32 Seiten. In den ersten Jahren schrieben noch andere darin: Peter Altenberg, Else Lasker-Schüler, Frank Wedekind, Detlev von Liliencron. Ab 1912 schrieb Kraus die Zeitschrift allein, Heft für Heft, 37 Jahre lang, bis zu seinem Tod. Das gigantische Werk der über 37 Jahre erscheinenden Zeitschrift umfasst nahezu 23.000 Normalseiten Prosa, ein Phänomen der Kultur- und Gesellschaftskritik, wie die Weltliteratur kein ähnliches hat. Kein anderer Autor der deutschen Sprache hat über einen so langen Zeitraum mit solcher Konsequenz und Intensität publiziert, und keiner hat dabei so kompromisslos auf den eigenen Maßstab bestanden.
Die Fackel war keine normale Zeitschrift. Sie hatte keine Anzeigen, weil Kraus keine Abhängigkeit von Inserenten wollte. Sie hatte keinen Redaktionsstab, weil Kraus keine redaktionellen Kompromisse einging. Sie hatte keine festgelegte Erscheinungsfrequenz, weil Kraus nur dann erschien, wenn er etwas zu sagen hatte. 1901 fand der erste von vielen Prozessen statt, die von Personen eingeleitet wurden, die sich durch Korruptionsvorwürfe der Fackel angegriffen fühlten. Prozesse blieben sein Leben lang die Begleitmusik seines Publizierens, und er gewann die meisten. Eine Zeitschrift, die ihren Autor zwingt, regelmäßig vor Gericht zu erscheinen, weil sie zu präzise beschreibt, was vor sich geht: Das ist das Gütezeichen, das kein Verlag vergibt und das kein Preis ersetzen kann.
Sprache als Seismograf: Was Kraus an der Presse wirklich auszusetzen hatte
Das Missverständnis über Kraus, das sich am hartnäckigsten hält, ist das folgende: Er habe die Presse gehasst, weil er ein Nörgler war, ein Besserwisser, ein notorischer Kritiker, dem nichts gut genug war. Das ist das Gegenteil von dem, was er meinte. Kraus hasste die Presse nicht, weil sie schlecht schrieb. Er hasste sie, weil er erkannte, dass das schlechte Schreiben eine Methode war: eine Methode, die Wirklichkeit zu vernebeln, Verantwortung zu verschleiern, Meinungen als Tatsachen zu verkaufen und die Leser daran zu gewöhnen, dass Sprache nichts bedeutet, weil sie zu allem verwendet werden kann.
In dem Essay Heine und die Folgen von 1911 wird der Literatur selbst, soweit sie sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts dem Journalismus und seinem instrumentellen Verhältnis zur Sprache angeschlossen hatte, die Schuld an einer Entwicklung gegeben, die Kraus nicht allein als ästhetische Deformation verstand, sondern als Verquickung des Geistigen mit dem Informatorischen. Dadurch sei Literatur nicht mehr lebendiger Gedanke, sondern Ornamentierung der Wirklichkeit. Das ist der Kern seiner Medienkritik, und er ist heute präziser als je: Wenn Sprache nur noch dazu dient, Informationen zu transportieren, und nicht mehr dazu, Wirklichkeit zu beschreiben, dann hat sie aufgehört, ein Werkzeug des Denkens zu sein, und ist ein Werkzeug der Manipulation geworden. Kraus beschrieb das 1911. Er hatte keine Ahnung, wie recht er hatte.
Die letzten Tage der Menschheit: Ein Drama, das niemand spielen kann
Die letzten Tage der Menschheit, entstanden während des Ersten Weltkriegs und 1918 als Zeitschriftensonderheft erschienen, ist das Hauptwerk von Kraus und eines der ungewöhnlichsten Dramen der Weltliteratur. Es hat rund 220 Szenen, mehr als 500 Figuren und eine Aufführungszeit, die Kraus selbst auf zehn Abende schätzte. Es ist aus Zeitungsartikeln, Militärberichten, Reden, Gesprächen und Dokumenten collagiert: ein Drama, das die Sprache des Krieges durch ihre buchstäbliche Zitierung als Tatbestand vorführt. Die erste Erwähnung des Plans der Letzten Tage der Menschheit findet sich in einem Brief an Sidonie Nádherný von Borutín vom 29. Juli 1915.
Was dieses Stück von anderen Antikriegsdramen unterscheidet, ist seine Methode: Kraus erfand kaum etwas. Er zitierte. Er nahm, was Zeitungen schrieben, was Politiker sagten, was Offiziere befahlen, und stellte es nebeneinander, bis die Cumulation der Dokumente das Urteil sprach, das kein Kommentar hätte fällen können. Das ist die wirkungsvollste Methode der Satire: nicht zu behaupten, sondern zu zeigen; nicht zu urteilen, sondern zu dokumentieren, bis das Dokument selbst das Urteil ist. Dass das Stück in seiner vollen Form bis heute fast nie aufgeführt wurde, weil es praktisch unaufführbar ist, ändert nichts an seiner Wirkung: Es ist das vollständigste literarische Zeugnis des Ersten Weltkriegs aus zeitgenössischer Sicht, das die deutsche Sprache kennt.
Sidonie Nádherný: Die Frau auf Schloss Janowitz und Rilkes Sabotage
Am 8. September 1913 lernte Kraus in Wien die böhmische Baronin Sidonie Nádherná von Borutín kennen, mit der ihn bis zu seinem Tod eine konfliktreiche, intensive Beziehung verband. Kraus dürfte mit dem Gedanken einer Heirat gespielt haben, die aber Rainer Maria Rilke mit dem Hinweis auf die Verschiedenheit hintertrieb. Die Verschiedenheit, die Rilke meinte, war das Judentum von Kraus. Rilke, der im Familienkreis der Nádhernys verkehrte und Sidonies Vertrauen genoss, sabotierte die Heiratsabsicht mit einem antisemitischen Argument, ohne das Wort Antisemitismus zu verwenden. Das ist eines der bemerkenswertesten und am wenigsten bekannten Kapitel in der Biografie zweier der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter ihrer Generation.
Die Beziehung zu Sidonie dauerte trotzdem, mit Unterbrechungen, bis zu Kraus' Tod. Auf Schloss Janowitz, dem Familienbesitz der Nádhernys, entstanden zahlreiche Werke. Sidonie Nádherná wurde zur wichtigen Korrespondenzpartnerin, kreativen Zuhörerin und Adressatin von Büchern und Gedichten. Die fünf ersten Bände seiner Gedichtsammlung Worte in Versen sind Sidonie Nádherný von Borutín gewidmet. Der Mann, der die privateste aller Aussagen in der Öffentlichkeit für gefährlich hielt und der Satire jede persönliche Regung zu unterdrücken suchte, schrieb für eine einzige Frau Liebesgedichte und widmete ihr seine Lyrik. Kraus ohne Sidonie ist der Satiriker ohne den Lyriker, und der Lyriker ohne die Baronin ist das leere Schloss Janowitz, in dem seine Liebesgedichte entstanden sind und das nach 1938 leer stand, weil die Welt, die es ermöglicht hatte, verschwunden war.
Das Schweigen von 1933: Der berühmteste erste Satz, den kaum jemand zu Ende liest
Auf den 30. Januar 1933 reagiert Kraus wie auf den Ausbruch des Ersten Weltkriegs: mit Schweigen. Erst im Oktober 1933 erschien ein nur vierseitiges Fackel-Heft mit der Grabrede auf den Architekten Adolf Loos, einen engen Freund, und dem sehr verschlüsselten Gedicht Man frage nicht, voll von Schrecken über die neue Situation und von Ratlosigkeit. Das Gedicht endet mit der Zeile: Das Wort entschlief, als jene Welt erwachte. Dieser Satz ist Kraus' ehrlichste Selbstbeschreibung: Der Mann, der sein ganzes Leben geglaubt hatte, mit Sprache gegen die Macht anzukommen, stand vor einer Macht, die jenseits der Möglichkeiten der Sprache lag.
Dieses Schweigen setzte Kraus heftigen Angriffen der Exilzeitschriften aus. Der Vorwurf war: Er hatte versagt. Er hatte geschwiegen, als Sprechen am nötigsten gewesen wäre. Was der Vorwurf übersah, war die Dritte Walpurgisnacht: 1933 schrieb Kraus die Dritte Walpurgisnacht, von der die ersten Fragmente in der Fackel erschienen. Kraus hielt die vollständige Veröffentlichung zurück, unter anderem um seine Freunde und Anhänger, die noch im Dritten Reich lebten, vor Repressalien zu schützen, und weil Gewalt kein Gegenstand der Polemik sei. Der erste Satz dieses Textes, Mir fällt zu Hitler nichts ein, ist heute der berühmteste Satz von Kraus und der meistmissverstandene: Er ist nicht das Eingeständnis der Sprachlosigkeit, sondern ihr Gegenteil. Der Text, der auf diesen Satz folgt, ist eine über 300 Seiten starke, akribische Dokumentation der nationalsozialistischen Gewalt aus den ersten Monaten des Jahres 1933, beweisend, dass man wissen konnte, was geschah, wenn man wissen wollte. Der Satz heißt: Die Satire hat ihr Mittel verloren, weil das Objekt die Satire übertroffen hat. Das ist kein Versagen. Das ist die präziseste Diagnose eines Moments, in dem Sprache an ihre Grenze stößt.
Getauft, ausgetreten, jüdisch: Die drei Religionen des Karl Kraus
Kraus wurde als Jude geboren. 1900 trat er aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus. 1911 ließ er sich katholisch taufen, aber 1923 trat er aus der katholischen Kirche wieder aus mit der sarkastischen Begründung, er sei primär durch Antisemitismus motiviert, gemeint war die Entrüstung über Max Reinhardts Nutzung der Kollegienkirche in Salzburg als Schauplatz einer Theateraufführung. Das ist auf den ersten Blick eine kurioser Dreischritt: Jude, dann Katholik, dann konfessionslos. Auf den zweiten Blick ist es die konsequenteste religiöse Biografie, die ein Mensch führen kann, der Institutionen grundsätzlich für korrumpierbar hält.
Was Kraus glaubte, war nicht an eine Konfession gebunden. Er glaubte an die Sprache als moralisches Instrument, an die Präzision als ethische Pflicht und an die Satire als Form des Widerstands gegen das, was er die Phrase nannte. Das war seine Religion, und sie verlangte keine Kirche. Karl Kraus war sich bewusst, dass er in der nationalsozialistischen Rassenideologie ohnehin als jüdischer Autor eingestuft wurde. Er antwortete darauf in der Dritten Walpurgisnacht mit einem Brief an einen deutschen Rundfunksender, in dem er vorschlug, seinen Shakespeare-Übersetzungen den Hinweis beizufügen Übersetzung aus dem Hebräischen, also gewissermaßen einen literarischen Judenstern. Das ist Kraus' bitterste und schärfste Antwort auf den Antisemitismus: nicht Empörung, sondern die buchstäbliche Vorhaltung des Absurden.
Frauenbild, Dollfuß, Irma Karczewska: Das unbequeme Kapitel
Ein ehrliches Bild von Karl Kraus schließt drei Kapitel ein, die seine Bewunderer ungern lesen. Das erste ist sein Frauenbild. Kraus war ein Verteidiger der Prostituierten und ein Gegner der bürgerlichen Sexualmoral, die Frauen die Sexualität verbot und sie gleichzeitig kommodifizierte. Soweit liest sich das fortschrittlich. Gleichzeitig war sein Bild der Frau von einer Idealisierung geprägt, die das Gegenteil von Gleichberechtigung ist: Er sah Frauen als Naturwesen, als Gegenentwurf zur verlogenen Zivilisation, und er meinte das als Lob. Zu den problematischsten Kapiteln seiner Biografie gehört die Geschichte um die damals vierzehnjährige Irma Karczewska, sie wurde von Kraus und seinen Freunden benutzt, um Ideen von sexueller Emanzipation zu erproben. Was das konkret bedeutete, ist dokumentiert und nicht entschuldigbar.
Das zweite Kapitel ist seine Haltung zu Dollfuß nach dem Februaraufstand 1934. 1934 rechtfertigte er in einem Aufsatz Warum die Fackel nicht erscheint den Verzicht auf eine Veröffentlichung der Dritten Walpurgisnacht, aus der er lange Passagen zitierte, und bezog dabei vor allem für das Regime Dollfuß und gegen die zerstörte Sozialdemokratie Stellung. Das verstörte viele seiner Leser, die in der Sozialdemokratie die wichtigste Gegenkraft gegen den Faschismus gesehen hatten. Kraus' Logik war die des kleineren Übels: Dollfuß hielt die Nationalsozialisten aus Österreich heraus. Ob er damit recht hatte, ist historisch offen. Dass er die Sozialdemokratie in diesem Moment fallen ließ, ist das Kapitel seines politischen Lebens, das am schwersten wiegt. Ein Mann, der sein Leben lang auf moralische Kompromisslosigkeit bestand, machte am Ende einen Kompromiss, den er nicht hätte machen müssen, und er machte ihn öffentlich und ausführlich begründet. Das ist kein Widerspruch, der ihn kleiner macht. Es ist der Widerspruch, der ihn menschlicher macht, als das Bild des unfehlbaren Satirikers es zulässt.
Warum Karl Kraus heute so zitiert und so wenig gelesen wird
Karl Kraus ist heute in den deutschsprachigen Ländern vor allem als Aphoristiker bekannt, dessen Sätze als Zitate kursieren, gereinigt von dem Kontext, aus dem sie stammen. Ein Aphorismus von Kraus ist immer Teil eines Arguments, einer Polemik, eines Gedankengangs, der den Einzelsatz erst vollständig macht. Herausgelöst aus diesem Zusammenhang sind Kraus-Zitate dekorative Provokationen, die wirken, als seien sie für Poesiealben geschrieben worden. Sie wurden nicht für Poesiealben geschrieben. Einige seiner prägnanten Sätze werden täglich in vielen Sprachen der Welt zitiert, sein Drama Die letzten Tage der Menschheit wurde ein internationaler Klassiker. Und doch verblasst, wofür er stand, mehr und mehr.
Was ihn heute aktuell macht, ist nicht die historische Wiener Lokalpresse, gegen die er kämpfte. Die Objekte seiner Satire und seiner Polemik sind zwar längst tot, aber sie haben Nachfolger gefunden. Erst recht dient die Phrase weiterhin der Manipulation und der Verschleierung von Fakten. Déjà-vu-Erlebnisse sind beim Lesen der Fackel nicht selten: Was vor 90 Jahren geschrieben worden ist, erinnert nicht selten an das, was man gestern gelesen hat. Ein Denker, der lehrte, dass die Qualität der öffentlichen Sprache die Qualität des öffentlichen Denkens bestimmt, und dass Phrasen keine harmlosen Stilschwächen sind, sondern Mittel der Manipulation, hat das einzige Argument hinterlassen, das in einer Mediengesellschaft wichtiger ist als jedes andere: Lesen Sie genau. Dann werden Sie sehen, was gesagt wird. Und dann werden Sie sehen, was verschwiegen wird.
Wenn Sie die Zitate auf dieser Seite lesen, begegnen Sie einem Mann, der mit 25 Jahren eine Zeitschrift gründete, die er 37 Jahre lang allein schrieb, der dreimal die Religion wechselte und jedes Mal aus derselben Überzeugung, dass Institutionen korrumpieren, der auf Schloss Janowitz Liebesgedichte für eine Baronin schrieb, deren Heirat Rilke mit einem antisemitischen Argument verhindert hatte, der die Dritte Walpurgisnacht schrieb und nicht veröffentlichte, weil er glaubte, sein Text könnte unschuldige Menschen in Konzentrationslager bringen, und der den ersten Satz, der ihn am berühmtesten machte, in einem 300-seitigen Buch schrieb, das kaum jemand zu Ende gelesen hat. Das ist das Fundament seiner Sätze. Sie klingen, als wolle jemand die Welt mit Genauigkeit retten. Er wollte es. Er wusste, dass es nicht reichte. Er hörte trotzdem nicht auf.
Zitate von Karl Kraus
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