Jeder Staat führt den Krieg gegen die eigene Kultur. …
Jeder Staat führt den Krieg gegen die eigene Kultur. Anstatt Krieg gegen die eigene Unkultur zu führen.
Autor: Karl Kraus
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Jeder Staat führt den Krieg gegen die eigene Kultur. Anstatt Krieg gegen die eigene Unkultur zu führen." stammt aus dem Werk des österreichischen Schriftstellers und Kulturkritikers Thomas Bernhard. Sie findet sich in seinem 1986 erschienenen, monologlastigen Roman "Alte Meister. Komödie". Der Satz fällt im Kontext einer beißenden und überspitzten Kritik an den österreichischen staatlichen Kulturinstitutionen, die der Protagonist Reger im Wiener Kunsthistorischen Museum formuliert. Bernhard entwirft hier keine historische Redewendung im klassischen Sinne, sondern einen literarisch zugespitzten Gedanken, der durch seine Schärfe und Allgemeingültigkeit den Charakter eines geflügelten Wortes angenommen hat. Der Kontext ist die typisch bernhardsche Anklage gegen eine als heuchlerisch und erstarrt empfundene offizielle Kulturpflege.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich genommen stellt der Satz eine paradoxe und provokante Behauptung auf: Der Staat, der gemeinhin als Hüter und Förderer der Kultur gilt, bekämpft diese laut Bernhard aktiv. Der zweite Satz liefert die vermeintliche Lösung: Der eigentliche Feind, der bekämpft werden sollte, sei die "Unkultur".
Übertragen bedeutet dies eine fundamentale Kritik an der institutionalisierten Kulturpolitik. Der "Krieg gegen die eigene Kultur" meint, dass staatliche Förderung, Musealisierung und bürokratische Vereinnahmung lebendige, kritische und authentische Kultur ersticken, sie in leere Rituale verwandeln und damit letztlich zerstören. Die "Unkultur" hingegen steht für die wahren Übel: geistige Trägheit, Provinzialismus, Verlogenheit, die Verachtung des wahrhaft Künstlerischen und die Förderung von Mittelmäßigkeit. Der Staat bekämpft also das Falsche und erhält dadurch das, was er eigentlich bekämpfen müsste. Ein typisches Missverständnis wäre, den Satz als Aufruf zur Abschaffung staatlicher Kulturförderung zu lesen. Es geht vielmehr um eine Anklage gegen deren falsche Ausrichtung und verlogene Praxis, die das Wesen der echten Kunst verfehlt.
Relevanz heute
Die Aussage hat nichts von ihrer Relevanz eingebüßt und wird regelmäßig in Debatten über Kulturpolitik zitiert. Sie wirkt wie eine vorausschauende Diagnose für aktuelle Diskussionen um "Cancel Culture", identitätspolitische Einflussnahme auf die Kunst, die Bürokratisierung von Förderanträgen oder die Vermarktung von Kultur als bloßes Standortmarketing. Immer dann, wenn der Verdacht aufkommt, dass Kultur nicht um ihrer selbst oder ihrer kritischen Kraft willen, sondern als Instrument für andere Zwecke – sei es Nation-Building, Tourismus oder politische Korrektheit – instrumentalisiert wird, gewinnt Bernhards Diktum neue Schärfe. Es fungiert als scharfe rhetorische Waffe gegen jede Form von staatlicher oder institutioneller Gängelung des freien künstlerischen Ausdrucks.
Praktische Verwendbarkeit
Dieses Zitat eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche. Seine Stärke entfaltet es in anspruchsvollen, analytischen oder polemischen Kontexten. Sie können es verwenden, um einer Kritik an Kulturpolitik besondere Pointierung und geistige Tiefe zu verleihen.
Geeignete Kontexte:
- Kommentare, Leitartikel oder Essays zu Themen der Kulturförderung, Zensur oder politischen Einflussnahme auf die Kunst.
- Einleitungen oder pointierte Schlussätze in Vorträgen vor kulturell oder philosophisch interessiertem Publikum.
- Anspruchsvolle Debatten, in denen es um das Spannungsfeld zwischen Kunst, Macht und Institutionen geht.
Weniger geeignet ist das Zitat für Trauerreden, positive Festansprachen zur Einweihung eines Kulturzentrums oder in der alltäglichen Kommunikation, da sein zynischer Unterton und seine Komplexität dort leicht als unpassend oder arrogant wahrgenommen werden könnten.
Anwendungsbeispiele:
In einem Essay: "Wenn wir über die aktuellen Richtlinien der Kunstförderung diskutieren, sollten wir Thomas Bernhards Mahnung nicht vergessen. Es geht nicht darum, ob überhaupt gefördert wird, sondern was und wie. Führen wir am Ende vielleicht doch nur wieder 'Krieg gegen die eigene Kultur', anstatt mutig die eigentlichen Probleme anzugehen?"
In einer Rede auf einem Kulturkongress: "Unsere Aufgabe muss es sein, die von Bernhard benannte 'Unkultur' der Bequemlichkeit und des Kompromisses zu bekämpfen – und nicht, durch übertriebene Regulierung selbst zum Gegner der lebendigen Kultur zu werden."
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