Aber da ich kurz zuvor gesagt habe, unsere Vorfahren sollten …
Aber da ich kurz zuvor gesagt habe, unsere Vorfahren sollten uns zum Muster dienen, so gelte als erste Ausnahme, dass man nicht ihre Fehler nachahmen darf.
Autor: unbekannt
Herkunft
Dieser prägnante Satz stammt aus dem Werk "Die Kunst, recht zu behalten" von Arthur Schopenhauer. Das Buch, posthum 1864 veröffentlicht, basiert auf Manuskripten, die der Philosoph vermutlich um 1830/31 verfasste. Der Kontext ist die dialektische Eristik, also die Kunst des Streitgesprächs. Schopenhauer listet hier verschiedene rhetorische Kniffe auf. Der zitierte Satz erscheint als "Kunstgriff 30" und fungiert als eine Art moralische Einschränkung seiner zuvor beschriebenen, mitunter trickreichen Methoden. Er stellt klar, dass das Befolgen von Vorbildern nicht blind geschehen darf, sondern mit kritischer Urteilskraft einhergehen muss.
Bedeutungsanalyse
Die Aussage ist eine dialektische Meisterleistung in sich. Wörtlich nimmt sie den eigenen, vorherigen Rat ("unsere Vorfahren sollten uns zum Muster dienen") zurück und schränkt ihn sofort ein. Übertragen bedeutet sie: Tradition und Vorbilder sind wertvoll, aber kein Freibrief für unkritisches Kopieren. Es ist ein Plädoyer für selektive Bewunderung. Ein typisches Missverständnis wäre, in dem Satz eine pauschale Verwerfung der Tradition zu sehen. Das Gegenteil ist der Fall. Schopenhauer bestätigt zunächst den Wert des Musters, um dann die entscheidende Bedingung zu nennen: Die Fehler der Vorfahren müssen erkannt und ausgeschlossen werden. Es geht also um evolutionäres Lernen, nicht um Revolution oder blinden Gehorsam.
Relevanz heute
Die Relevanz dieser Redewendung ist in der modernen Debattenkultur ungebrochen hoch. In Zeiten, in denen Argumente oft mit "Das war schon immer so" oder "Die Alten wussten es besser" beendet werden sollen, bietet Schopenhauers Satz das perfekte Gegenmittel. Er ist hochaktuell in Diskussionen über gesellschaftliches Erbe, historische Aufarbeitung oder technologischen Fortschritt. Ob in der Politik, wenn es um die Reform überholter Gesetze geht, in Unternehmen bei der Frage nach tradierten Prozessen oder in privaten Gesprächen über Erziehungsmethoden – überall dort, wo blindes Traditionsbewusstsein auf notwendigen Wandel trifft, ist dieser Gedanke ein wertvoller Kompass. Er erlaubt es, Bewährtes zu schätzen, ohne Fehler fortzuschreiben.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Satz eignet sich hervorragend für formellere Anlässe, bei denen es um Reflexion, Lernen oder Wandel geht. In einer Rede, einem Vortrag oder einem Leitartikel kann er als elegante Überleitung dienen, um einen kritischen Punkt zu setzen.
Er ist weniger für lockere Alltagsplaudereien geeignet, da seine syntaktische Struktur und sein gedanklicher Gehalt eine gewisse Aufmerksamkeit verlangen. In einer Trauerrede könnte er, mit Feingefühl eingesetzt, die Ambivalenz des Erbes thematisieren: Man gedenkt der Person und ihrer positiven Vorbildfunktion, ohne ihre Schwächen zu leugnen.
Beispiele für gelungene Verwendung:
- In einem Workshop zur Unternehmenskultur: "Wir schauen auf die Gründerjahre als Vorbild für unseren Pioniergeist. Doch im Sinne Schopenhauers gilt als erste Ausnahme, dass wir nicht ihre Fehler nachahmen dürfen – etwa die damalige Vernachlässigung der Work-Life-Balance."
- In einem Essay über politische Reformen: "Das Bewährte zu achten, ist eine Tugend. Doch, um mit dem Philosophen zu sprechen, gilt als erste Ausnahme: Man darf die Fehler der Vorgänger nicht wiederholen. Daher muss diese Reform jetzt angegangen werden."
- In einer persönlichen Reflexion: "Ich versuche, meinen Eltern in vielerlei Hinsicht nachzueifern. Aber ich habe früh gelernt, dass die erste und wichtigste Ausnahme lautet, ihre bestimmten Erziehungsmuster nicht fortzusetzen."