In unseren Prozessen, wenigstens in Kriminalfällen, besteht …
In unseren Prozessen, wenigstens in Kriminalfällen, besteht die Verteidigung gewöhnlich im Leugnen.
Autor: Marcus Tullius Cicero
Herkunft
Die Aussage "In unseren Prozessen, wenigstens in Kriminalfällen, besteht die Verteidigung gewöhnlich im Leugnen" stammt aus dem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Sie findet sich im zweiten Band, der 1844 als Ergänzung zu seinem Hauptwerk von 1818 erschien, konkret im Kapitel "Zur Rechtslehre und Politik". Schopenhauer nutzt diese Beobachtung als ein Argument in seiner grundlegenden Kritik an staatlichen Justizsystemen. Für ihn illustriert diese Praxis ein tieferliegendes moralisches Defizit, da sie nicht auf Wahrheitsfindung, sondern auf strategischem Widerstand basiert.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt der Satz eine gängige Praxis in Strafverfahren: Der Angeklagte oder dessen Verteidiger bestreitet die vorgeworfene Tat pauschal, unabhängig von der Beweislage. Übertragen und im Kontext von Schopenhauers Philosophie geht die Bedeutung jedoch weit darüber hinaus. Es handelt sich nicht um eine neutrale Beschreibung, sondern um eine fundamentale Kritik. Schopenhauer sieht in diesem "gewöhnlichen Leugnen" den Beweis dafür, dass der juristische Prozess ein Kampf ist, bei dem es nicht um absolute Wahrheit, sondern um den Sieg einer Partei geht. Das Rechtssystem wird so als ein System der erlaubten List entlarvt. Ein typisches Missverständnis wäre, die Aussage als juristischen Ratschlag oder als bloße Feststellung zu lesen. In Wirklichkeit ist sie ein philosophisches Urteil, das die gesamte Institution in Frage stellt.
Relevanz heute
Die Beobachtung ist heute erschreckend aktuell, auch wenn sich die rechtlichen Rahmenbedingungen verfeinert haben. Das strategische Leugnen bleibt ein zentraler Bestandteil der Strafverteidigung in vielen Rechtssystemen. Die Relevanz der Redewendung zeigt sich jedoch besonders in der öffentlichen Debatte jenseits des Gerichtssaals. Sie wird oft zitiert, um ein Verhalten zu kritisieren, bei dem jemand offensichtliche Fakten oder eigene Verfehlungen trotz erdrückender Beweise hartnäckig abstreitet. Man findet sie in politischen Kommentaren, in Analysen von Unternehmenskrisen oder in Diskussionen über Medien. Sie dient als scharfe Charakterisierung einer Haltung, die Wahrheit durch Beharrlichkeit ersetzen will.
Praktische Verwendbarkeit
Die Wendung eignet sich hervorragend für analytische oder kritische Texte und Reden, in denen es um Strategien der Schuldabwehr geht. Sie klingt in einem Leitartikel über einen Politikerskandal, in einem Vortrag über Kommunikationskrisen oder in einer anspruchsvollen Kolumne passend. Sie wäre zu hart und unangemessen in einer alltäglichen Unterhaltung über kleine Meinungsverschiedenheiten. Für eine Trauerrede ist sie generell ungeeignet, es sei denn, der Verstorbene war Jurist oder Philosoph und der Kontext ist entsprechend reflektierend.
Hier sind Beispiele für gelungene Verwendungen:
- In einem Kommentar: "Die Pressekonferenz des Konzerns erinnerte fatal an Schopenhauers Diagnose: In dieser Krise besteht die Verteidigung gewöhnlich im Leugnen."
- In einem Vortrag: "Wir erleben in der öffentlichen Kommunikation oft ein Muster, das der Philosoph schon im 19. Jahrhundert für Gerichte beschrieb: Die Verteidigung besteht gewöhnlich im Leugnen, nicht im Erklären."
- In einer Analyse: "Statt sich den Vorwürfen zu stellen, wählte die Behörde die klassische Strategie, die über reine Juristerei hinausweist. Man könnte sagen, ihre Verteidigung bestand gewöhnlich im Leugnen."
Nutzen Sie die Formulierung, um eine Situation auf eine prinzipielle, fast schon systematische Ebene zu heben. Sie verleiht Ihrer Kritik historische Tiefe und philosophisches Gewicht und zeigt, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um ein wiederkehrendes menschliches und institutionelles Muster handelt.
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