Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach …

Jeder Mensch kommt mit einer sehr großen Sehnsucht nach Herrschaft, Reichtum und Vergnügen sowie mit einem starken Hang zum Nichtstun auf die Welt. So möchte jeder das Geld und die Frauen oder Mädchen der anderen haben, mochte er ihr Gebieter sein, sie allen seinen Launen gefügig machen und nichts oder zumindest nur sehr angenehme Dinge tun.

Autor: Voltaire

Herkunft

Dieses scharfsinnige Zitat stammt aus Voltaires bedeutendem philosophischen Werk "Le Philosophe ignorant" (Der unwissende Philosoph), das im Jahr 1766 veröffentlicht wurde. Es ist kein isolierter Aphorismus, sondern Teil einer umfassenden Reflexion über die menschliche Natur. Voltaire verfasste diese Schrift in seiner reifen Schaffensphase, in der er sich intensiv mit den Grundfragen der Moral, der Gesellschaft und den Grenzen der Erkenntnis auseinandersetzte. Der konkrete Anlass war seine anhaltende kritische Auseinandersetzung mit den optimistischen Weltbildern einiger zeitgenössischer Denker. Das Zitat findet sich in einer Passage, in der Voltaire die natürlichen, oft egoistischen Triebe des Menschen beschreibt, bevor er zur Frage nach Moral und Tugend übergeht.

Biografischer Kontext

Voltaire, eigentlich François-Marie Arouet (1694-1778), war weit mehr als ein Schriftsteller. Er war der unbestrittene Star der europäischen Aufklärung, ein scharfer Satiriker, ein unermüdlicher Kämpfer für Vernunft, Toleranz und Meinungsfreiheit. Was ihn für uns heute so faszinierend macht, ist seine Rolle als öffentlicher Intellektueller avant la lettre. Er nutzte seine brillante Schreibe, seinen Witz und sein riesiges Netzwerk, um konkrete Ungerechtigkeiten anzuprangern – am bekanntesten ist sein Kampf für die Rehabilitierung des hingerichteten Jean Calas. Seine Weltsicht ist von einem tiefen Misstrauen gegenüber Dogmen, Autoritäten und absoluten Wahrheiten geprägt. Stattdessen setzte er auf kritische Prüfung, aufklärerischen Zweifel und einen praktischen Humanismus. Seine Gedanken zur Religionskritik, zur Gewaltenteilung und zur Freiheit sind bis heute Grundpfeiler demokratischer Gesellschaften. Voltaire bleibt relevant, weil er uns lehrt, dass der Einsatz für Vernunft und Gerechtigkeit niemals rein akademisch, sondern immer auch ein mutiges Eintreten im Hier und Jetzt sein muss.

Bedeutungsanalyse

Mit diesem Zitat formuliert Voltaire eine provokante und pessimistische Anthropologie – eine Lehre vom Menschen. Er behauptet, dass egoistische und triebhafte Neigungen wie Machtgier, Besitzstreben, Lust und Faulheit dem Menschen angeboren sind. Es ist eine radikale Infragestellung des Bildes vom von Natur aus guten oder edlen Menschen. Voltaire will jedoch nicht einfach zynisch sein. Das Zitat dient ihm als Ausgangspunkt. Indem er diese dunklen Antriebe so schonungslos benennt, stellt er die entscheidende Frage: Wenn das unsere Natur ist, wie kann dann überhaupt eine funktionierende, zivilisierte Gesellschaft entstehen? Die Antwort liegt für ihn in der Vernunft, in Gesetzen und einer aufgeklärten Moral, die diese wilden Instinkte zügeln und kanalisieren muss. Ein Missverständnis wäre, in dem Zitat eine Billigung dieser Triebe zu sehen. Es ist vielmehr eine nüchterne Diagnose, die die kulturelle und rechtliche Leistung der Zivilisation erst verständlich macht.

Relevanz heute

Die Aktualität des Zitats ist frappierend. Es liest sich wie eine Blaupause für die Analyse moderner Phänomene. In der Wirtschaftswelt erklärt es den rücksichtslosen Karrierismus und die Gier in Finanzskandalen. In der politischen Sphäre wirft es ein Licht auf den Machthunger von Autokraten und den Populismus, der genau diese niederen Instinkte anspricht. Die sozialen Medien und die Konsumkultur leben oft von der "Sehnsucht nach Vergnügen" und der Darstellung begehrenswerter Lebensentwürfe ("das Geld und die Frauen der anderen"). Voltaires Beobachtung ist somit ein zeitloses Werkzeug, um die Triebfedern hinter menschlichem Handeln in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft zu entschlüsseln. Es erinnert uns daran, dass zivilisatorische Errungenschaften nicht selbstverständlich, sondern stets gefährdet sind.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um die kritische Reflexion menschlicher Motive oder gesellschaftlicher Zustände geht.

  • Vorträge und Präsentationen: Nutzen Sie es als einprägsamen Einstieg in Themen wie Unternehmensethik, politische Psychologie, Führungsverantwortung oder die dunklen Seiten des Kapitalismus. Es schafft sofort Spannung und provoziert zum Nachdenken.
  • Literarische oder philosophische Diskussionen: In Buchclubs oder Seminaren dient es als perfekter Diskussionsstarter über die Natur des Menschen, den Gegensatz von Trieb und Vernunft oder die Gesellschaftsvertragstheorien der Aufklärung.
  • Journalistische und essayistische Texte: Kolumnen oder Kommentare zu Skandalen, Machtmissbrauch oder gesellschaftlichem Werteverfall gewinnen durch dieses Zitat an historischer Tiefe und analytischer Schärfe.
  • Warnung: Aufgrund seiner schonungslosen und allgemeinen Formulierung ist das Zitat für persönliche Anlässe wie Geburtstage, Hochzeiten oder Trauerfeiern völlig ungeeignet. Es wäre dort leicht misszuverstehen und könnte verletzend wirken. Seine Stärke liegt in der analytischen, nicht in der persönlich-feierlichen Anwendung.

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