Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich …

Dem intellektuell hochstehenden Menschen gewährt nämlich die Einsamkeit einen zweifachen Vortheil: erstlich den, mit sich selber zu seyn, und zweitens den, nicht mit Anderen zu seyn.

Autor: unbekannt

Herkunft

Dieser prägnante Gedanke stammt aus dem Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Er erscheint im ersten Band, genauer im Paragraphen 9 mit dem Titel "Zur Lehre von der anschauenden Erkenntnis". Die Erstveröffentlichung des Werkes datiert auf das Jahr 1819. Der Kontext ist Schopenhauers grundlegende Erkenntnistheorie, in der er die Welt als eine vom menschlichen Willen getriebene Vorstellung beschreibt. An dieser Stelle argumentiert er für den Wert der introspektiven Vernunft und setzt die geistige Selbstgenügsamkeit gegen den lärmenden und oft oberflächlichen Umgang mit anderen Menschen.

Biografischer Kontext

Arthur Schopenhauer (1788–1860) ist bis heute einer der zugänglichsten und persönlichsten Denker der Philosophiegeschichte. Während seine Zeitgenossen wie Hegel an den Universitäten den "Weltgeist" feierten, baute Schopenhauer ein faszinierend düsteres und doch tröstliches System auf, das den einzelnen Menschen und sein Leiden in den Mittelpunkt stellt. Seine Relevanz liegt in seiner radikalen Ehrlichkeit: Er sah den Menschen nicht als vernunftgesteuertes Wesen, sondern als getrieben von einem blinden, unstillbaren Willen zum Leben, der zu ständigem Begehren und damit zu Schmerz führt.

Was ihn für heutige Leser so interessant macht, ist seine moderne Psychologie und seine Lösungsvorschläge. Er propagierte – lange vor der Pop-Psychologie – die Ablenkung durch ästhetische Erfahrung (Kunst, Musik) und die Läuterung durch Mitleid als Wege, dem Leiden zu entkommen. Seine tiefe Wertschätzung für Einsamkeit und intellektuelle Unabhängigkeit klingt in einer von sozialen Medien und ständiger Vernetzung geprägten Zeit besonders aktuell. Schopenhauer war ein Meister des klaren, oft beißend sarkastischen Stils, der seine philosophischen Einsichten mit lebensweltlicher Beobachtung verband.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung beschreibt die doppelte Wohltat der freiwilligen Einsamkeit für denkende Menschen. Wörtlich genommen benennt sie zwei Vorteile: den ersten, bei sich selbst zu sein, und den zweiten, nicht bei anderen zu sein. In der übertragenen Bedeutung preist sie die Autarkie des Geistes. Der "erste Vorteil" ist die positive, aktive Seite: die Möglichkeit zur ungestörten Reflexion, zum Dialog mit sich selbst und zur Vertiefung in eigene Gedanken. Der "zweite Vorteil" ist die defensive, schützende Seite: die Befreiung von der Ablenkung, der geistigen Mittelmäßigkeit, den Konventionen und dem oft anstrengenden Sozialdruck, den der Umgang mit anderen mit sich bringt.

Ein typisches Missverständnis wäre, hierin eine pauschale Menschenfeindlichkeit zu sehen. Schopenhauer spricht ausdrücklich vom "intellektuell hochstehenden Menschen". Es geht nicht um misanthropische Isolation, sondern um eine bewusste Wahl: Die kostbare Zeit und geistige Energie sollen nicht in trivialen Sozialverpflichtungen vergeudet, sondern für substantielles Denken und Schaffen genutzt werden. Die Redewendung ist somit eine Rechtfertigung und ein Lob der kontemplativen Lebensführung.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute bemerkenswert relevant, vielleicht sogar relevanter als zu Schopenhauers Zeiten. In einer Kultur der permanenten Erreichbarkeit, des sozialen Lärms und der Erwartung, immer "dabei" und vernetzt zu sein, wirkt sein Plädoyer wie eine befreiende Anleitung zum digitalen und mentalen Rückzug. Die Sehnsucht nach "Quality Time" mit sich selbst, nach Unverbindlichkeit und echter Konzentration ist groß.

Die Redewendung findet heute oft indirekt Anklang, etwa in Diskussionen über die Notwendigkeit von "Deep Work", über die psychologischen Kosten sozialer Medien oder in der bewussten Praxis des "Digital Detox". Sie liefert die philosophische Grundlage für die moderne Erkenntnis, dass ständige Zerstreuung und Oberflächlichkeit dem geistigen Schaffen und der persönlichen Zufriedenheit abträglich sind. Wer heute bewusst Zeiten der Unerreichbarkeit einplant oder die Stille sucht, praktiziert im Grunde Schopenhauers doppelten Vorteil.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um die Verteidigung oder Erklärung von Rückzug, Konzentration und geistiger Unabhängigkeit geht. Es ist zu anspruchsvoll und philosophisch für lockere Alltagsplaudereien, passt aber perfekt in anspruchsvolle Vorträge, Essays oder persönliche Reflektionen.

Geeignete Anlässe:

  • Einleitung oder Schluss eines Vortrags über Kreativität, Produktivität oder Fokussierung.
  • In einem Artikel oder Blogbeitrag, der die Vorteile des Alleinseins oder der Meditation thematisiert.
  • Als pointierte Begründung in einem Gespräch, warum man sich bewusst aus bestimmten sozialen Verpflichtungen oder digitalen Plattformen zurückzieht.
  • In einer Trauerrede für einen zurückhaltenden, intellektuellen Menschen, dessen Kraft aus der inneren Einkehr kam.

Beispielsätze:

  • "In der Planung des neuen Projektes bitte ich um Ihr Verständnis für meine reduzierte Erreichbarkeit. Ich folge dabei dem alten Gedanken Schopenhauers, der in der Einsamkeit einen doppelten Vorteil sah: den, mit sich selbst zu sein, und den, nicht mit anderen zu sein – beides ist für die konzeptionelle Arbeit unerlässlich."
  • "Wenn Sie sich fragen, warum viele große Denker die Abgeschiedenheit suchten, so liegt der Grund in der von Schopenhauer benannten zweifachen Wohltat der Einsamkeit."
  • "Mein Rückzug aus dem ständigen Online-Leben war keine Griesgrämigkeit, sondern der Wunsch, endlich wieder den ersten von Schopenhauers Vorteilen zu genießen: einfach mit mir selbst zu sein."

Verwenden Sie die Redewendung nicht, um bloße Unhöflichkeit oder asoziales Verhalten zu rechtfertigen. Ihre Kraft entfaltet sie, wenn sie als bewusste, positive Wahl für Vertiefung und geistige Integrität präsentiert wird.