Im Zustand der gefüllten Samenblase sieht der Mann in jedem …

Im Zustand der gefüllten Samenblase sieht der Mann in jedem Weib Aphrodite.

Autor: Bertolt Brecht

Herkunft

Die genaue Herkunft dieser drastischen Sentenz ist nicht zweifelsfrei belegt. Sie wird häufig dem französischen Schriftsteller und Philosophen Denis Diderot (1713–1784) zugeschrieben, taucht in dieser expliziten Form jedoch nicht in seinen gesicherten Hauptwerken auf. Es handelt sich vielmehr um eine volkstümliche, pointierte Zuspitzung eines Gedankens, der in verschiedenen Kulturen und Epochen immer wieder formuliert wurde. Die Idee, dass der körperliche Trieb die Wahrnehmung und das Urteilsvermögen trübt, findet sich bereits in der antiken Philosophie. Die spezifische, biologisch konkrete Formulierung "gefüllte Samenblase" deutet auf einen eher modernen, vielleicht sogar populärwissenschaftlichen oder psychologischen Kontext des 19. oder 20. Jahrhunderts hin. Da eine sichere und belegbare Erstnennung nicht vorliegt, wird auf eine detaillierte Herkunftsangabe verzichtet.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung beschreibt ein psychologisches und physiologisches Phänomen mit ungeschminkter Direktheit. Wörtlich nimmt sie Bezug auf den männlichen Sexualtrieb in einem Zustand der Erregung oder des Bedürfnisses. Übertragen bedeutet sie: Ein von starkem sexuellem Verlangen getriebener Mann neigt dazu, jede Frau übermäßig zu idealisieren und ihr eine außergewöhnliche Anziehungskraft und Schönheit zuzuschreiben. Die "Aphrodite" steht hier sinnbildlich für die griechische Göttin der Liebe und Schönheit – also für das perfekte, göttliche Ideal weiblicher Reize.

Ein typisches Missverständnis wäre, in der Aussage eine allgemeingültige Wahrheit über männliche Wahrnehmung zu sehen. Vielmehr handelt es sich um eine hyperbolische, also stark übertreibende, Beschreibung eines momentanen Zustands. Sie kritisiert oder karikiert die Subjektivität der Sinneswahrnehmung unter dem Einfluss körperlicher Triebe. Die Redewendung warnt implizit davor, in diesem Zustand wichtige Entscheidungen zu treffen, da die Urteilskraft getrübt ist.

Relevanz heute

Die zugrundeliegende Beobachtung ist heute so relevant wie eh und je, auch wenn die formulierte Redewendung selbst eher selten im alltäglichen Sprachgebrauch auftaucht. Ihr Kerngehalt wird in modernerer Sprache diskutiert, beispielsweise in Debatten über die Objektivierung von Menschen, die Rolle von Hormonen in zwischenmenschlichen Dynamiken oder in psychologischen Erklärungen zum "Rosaroten Brille"-Effekt in der Verliebtheitsphase. Die Idee, dass körperliche Bedürfnisse und Triebe unsere rationalen Entscheidungen und unsere Wahrnehmung anderer massiv beeinflussen können, ist ein fester Bestandteil unseres heutigen Verständnisses von menschlichem Verhalten. Insofern lebt der Geist der Redewendung in wissenschaftlichen und populären Diskussionen über Biologie, Psychologie und Sozialverhalten fort.

Praktische Verwendbarkeit

Diese Redewendung ist aufgrund ihrer expliziten biologischen Sprache und ihrer schonungslosen Direktheit nicht für formelle oder offizielle Anlässe geeignet. Sie wäre in einer Trauerrede, einem Geschäftsvortrag oder einem politischen Diskurs völlig fehl am Platz und könnte als vulgär oder respektlos aufgefasst werden.

Ihr natürliches Umfeld sind lockere, vertraute Gespräche unter Erwachsenen, in denen pointiert und vielleicht sogar provokant über menschliche Schwächen gesprochen wird. Sie eignet sich für:

  • Philosophische oder psychologische Diskussionen in informellem Rahmen über die Macht der Triebe.
  • Humorvolle Kommentare, um das übertriebene Schwärmen eines Freundes für eine neue Bekanntschaft auf eine zugespitzte, biologische Formel zu bringen.
  • Selbstironische Bemerkungen, um das eigene, vielleicht von Hormonen geleitete, Verhalten zu reflektieren.

Gelungene Beispiele für den Gebrauch könnten lauten:

"Nach sechs Monaten auf See war die Crew im Hafen kaum zu bändigen. Da bewahrheitete sich mal wieder das alte Sprichwort: Im Zustand der gefüllten Samenblase sieht der Mann in jedem Weib Aphrodite."

"Vorsicht mit deinen Investment-Tipps für die Kellnerin, mein Freund. Ich glaube, deine Finanzanalyse ist gerade stark von einer gewissen biologischen Variable beeinflusst, um es mal mit Diderot zu sagen."

Wichtig ist stets, das Publikum und die Situation einzuschätzen. Die Redewendung ist ein rhetorisches Salzgewürz – eine Prise kann pointieren, zu viel verdirbt das gesamte Gespräch.

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