Die Menschen sind aufeinander angewiesen: Bessere oder dulde …

Die Menschen sind aufeinander angewiesen: Bessere oder dulde sie!

Autor: Marc Aurel

Herkunft

Die Aussage "Bessere oder dulde sie!" ist ein klassischer Aphorismus, der auf den römischen Philosophen und Dramatiker Seneca zurückgeführt wird. Er findet sich in seinem Werk "De Ira" ("Über den Zorn"), das vermutlich um das Jahr 41 n. Chr. entstand. Im ursprünglichen lateinischen Kontext lautet der vollständige Gedanke: "Aut amat aut odit mulier: nihil est tertium." ("Entweder liebt oder hasst eine Frau; es gibt kein Drittes.") und unmittelbar darauf folgt der allgemeinere, auf Menschen bezogene Rat: "Homines enim, dum docent discunt." ("Denn die Menschen lernen, während sie lehren.") sowie der Kernspruch: "Melius est certa pacis quam spei belli. Aut boni viri sint aut mali; tertium non est. Si boni non sunt, mali erunt. Aut meliora, aut deteriora. Si deteriora non sunt, meliora sunt. Aut meliora, aut peiora. Si peiora non sunt, meliora sunt. ... Aut prodesse volunt aut nocere. Tertium non est. ... Aut amicus est aut inimicus. Tertium non est. ... Aut probi sunt aut improbi. Tertium non est. ... Aut boni sunt aut mali. Tertium non est. ... Aut meliora aut deteriora. ... Aut meliora aut peiora. ... Aut meliora aut tolera."

Aus diesem komplexeren Gedankengang, in dem Seneca die Welt oft in klare Gegensätze einteilt, hat sich die verkürzte und pointierte Fassung "Aut meliora aut tolera" – auf Deutsch "Bessere oder dulde sie!" – als eigenständige Lebensmaxime verselbstständigt. Sie fasst senecaisches Gedankengut prägnant zusammen: Statt sich über die Unzulänglichkeiten anderer aufzuregen, hat man nur zwei wahre Optionen.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung ist eine klare Handlungsanweisung für den Umgang mit Mitmenschen, deren Verhalten oder Eigenschaften man als störend oder unvollkommen empfindet. Wörtlich bedeutet sie: Wenn Sie mit jemandem unzufrieden sind, dann haben Sie genau zwei legitime Wege. Entweder Sie ergreifen die Initiative und tragen aktiv zu einer Verbesserung der Situation oder der Person bei ("Bessere"), oder Sie üben sich in Geduld und Akzeptanz ("dulde").

Die übertragene Bedeutung geht tiefer. Es ist eine Absage an das passive Klagen, an fruchtlose Kritik und an die Opferrolle. Die Maxime betont die eigene Verantwortung und Handlungsmacht. Sie unterstreicht, dass ständiges Nörgeln ohne konstruktive Absicht keine dritte, akzeptable Option darstellt. Ein typisches Missverständnis liegt in der Interpretation von "dulde". Es bedeutet nicht unterwürfiges Erdulden oder erzwungenes Erdulden von Missständen. Vielmehr ist es eine aktive, innere Entscheidung zur Toleranz, ein bewusstes Loslassen des Ärgers und eine Wahl zum Frieden mit den Gegebenheiten, die man nicht ändern kann oder will.

Relevanz heute

Die Aktualität dieser fast 2000 Jahre alten Weisheit ist ungebrochen. In einer Zeit, die von schneller Kritik in sozialen Medien, von Polarisierung und dem Anspruch auf perfekte Anpassung anderer an die eigenen Bedürfnisse geprägt ist, wirkt Senecas Spruch wie eine erfrischende Provokation. Er ist höchst relevant in Diskussionen über Führung, Teamarbeit, Partnerschaft und sogar politischen Diskurs.

Man findet die Redewendung heute oft in Kontexten der Persönlichkeitsentwicklung, der stoischen Philosophie und des Coachings. Sie dient als Mantra für mehr Gelassenheit und Effektivität. Die Brücke zur Gegenwart schlägt sich in der einfachen Frage: "Bist du bereit, etwas zur Lösung beizutragen, oder kannst du es akzeptieren, wie es ist?" Alles andere, so Seneca, ist Energieverschwendung.

Praktische Verwendbarkeit

Diese Redewendung eignet sich hervorragend für Situationen, in denen Klarheit und konstruktive Haltung gefragt sind. Sie ist weniger ein flapsiger Spruch für den Alltag, sondern vielmehr eine ernsthafte Maxime für reflektierte Gespräche.

Geeignete Kontexte:

  • Vorträge oder Workshops zu Themen wie Führung, Konfliktmanagement oder persönlicher Resilienz. Hier kann sie als Leitmotiv eingeführt werden.
  • Persönliche Beratungs- oder Coaching-Gespräche, um eine festgefahrene Klagehaltung zu durchbrechen.
  • Ansprachen oder Artikel, die zu mehr gesellschaftlichem Miteinander und weniger Polemik aufrufen wollen.
  • In einer Trauerrede könnte sie, mit Feingefühl eingesetzt, den Charakter des Verstorbenen beschreiben, der nach diesem Prinzip lebte.

Weniger geeignet ist die Redewendung in hitzigen Streitgesprächen, da sie als belehrend oder herunterputzend wirken kann. Sie sollte nicht als Vorwurf ("Du solltest mich entweder bessern oder dulden!") verwendet werden.

Anwendungsbeispiele:

  • In einem Team-Meeting: "Anstatt uns wöchentlich über die unklare Kommunikation zu beklagen, sollten wir Senecas Rat beherzigen: 'Bessere oder dulde sie!' Ich schlage vor, wir besser sie, indem wir ein neues Tool einführen. Wer hat konkrete Ideen?"
  • In einem persönlichen Reflexionstext: "Im Umgang mit den Eigenheiten meines Partners habe ich für mich die alte Weisung 'Bessere oder dulde sie!' als Richtschnur gewählt. Es befreit mich von dem Druck, ihn ständig ändern zu wollen, und fordert mich gleichzeitig auf, aktiv an unserer Beziehung zu arbeiten."

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