Auch die Tugend ist eine Kunst, und auch ihre Anhänger …

Auch die Tugend ist eine Kunst, und auch ihre Anhänger teilen sich in Ausübende und Liebhaber.

Autor: Marie von Ebner-Eschenbach

Herkunft

Dieser prägnante Satz stammt aus dem Werk "Vermischte Bemerkungen und Einfälle" des deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer. Er wurde posthum im Jahr 1864 veröffentlicht. Der Kontext ist Schopenhauers typische, scharfzüngige Analyse menschlicher Verhaltensweisen. In seinen Aphorismen zur Lebensweisheit teilt er die Menschen gerne in grundlegende Kategorien ein. Hier überträgt er die geläufige Unterscheidung aus dem Kunstbetrieb – nämlich die zwischen dem aktiven Künstler und dem passiven Genießer – auf das Feld der Moral. Für Schopenhauer ist Tugendhaftigkeit kein automatischer Zustand, sondern etwas, das wie eine Kunst erlernt, geübt und perfektioniert werden muss. Die Aussage ist somit ein integraler Bestandteil seiner pessimistischen, aber zutiefst menschlichen Philosophie, die das Handeln des Einzelnen genau unter die Lupe nimmt.

Bedeutungsanalyse

Die Redewendung vergleicht die Tugend, also moralisch einwandfreies Handeln, mit einer Kunst. Wörtlich genommen unterteilt sie diejenigen, die sich mit dieser "Kunst" befassen, in zwei Gruppen: die "Ausübenden" und die "Liebh aber". Die "Ausübenden" sind die Menschen, die Tugend aktiv leben, die sich im Alltag bewusst für das Gute, Anständige oder Richtige entscheiden, auch wenn es Mühe kostet. Die "Liebh aber" hingegen sind diejenigen, die Tugend lediglich schätzen, bewundern und theoretisch befürworten, sie aber nicht oder nur unvollkommen in die Praxis umsetzen.

Das übertragene und wahre Bedeutung liegt in dieser schonungslosen Trennung von Theorie und Praxis der Moral. Ein häufiges Missverständnis wäre zu glauben, es handele sich um eine wertfreie Beschreibung. Tatsächlich steckt in Schopenhauers Formulierung eine deutliche Wertung: Der wahre Wert liegt im aktiven Ausüben. Die "Liebh aber" bleiben im Bereich des schönen Scheins und der bequemen Zustimmung. Die Redewendung entlarvt damit die menschliche Neigung, sich mit der bloßen Anerkennung von Werten zufriedenzugeben, ohne die entsprechende Handlungsfolge daraus abzuleiten. Sie ist eine Aufforderung zur Selbstprüfung.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute vielleicht relevanter denn je. In einer Zeit, in der Werte und Haltungen oft über soziale Medien performativ zur Schau gestellt werden ("Virtue Signaling"), trifft Schopenhauers Unterscheidung ins Mark. Die Frage, ob jemand ein "Ausübender" oder ein "Liebh aber" ist, stellt sich in nahezu allen gesellschaftlichen Debatten: beim Klimaschutz (leben wir Nachhaltigkeit oder reden nur darüber?), bei sozialer Gerechtigkeit (unterstützen wir aktiv oder posten wir nur Solidaritätsbekundungen?) oder im Berufsleben (stehen wir für Integrität ein oder applaudieren wir ihr nur?). Die Redewendung bietet ein scharfes Werkzeug, um oberflächliche von echter moralischer Haltung zu trennen – und das sowohl bei der Betrachtung anderer als auch bei der ehrlichen Selbstreflexion.

Praktische Verwendbarkeit

Dieses Zitat eignet sich hervorragend für Kontexte, in denen es um die Bewertung von Engagement, Integrität oder persönlicher Entwicklung geht. Es ist zu geistreich und philosophisch für lockere Smalltalk-Situationen, passt aber perfekt in anspruchsvolle Gespräche, Vorträge oder schriftliche Betrachtungen.

Sie können die Redewendung verwenden, um eine Diskussion über ethisches Handeln zu eröffnen oder um einen Appell zu unterstreichen, dass es auf konkrete Taten ankommt. In einer Trauerrede könnte sie das Leben eines Menschen würdigen, der seine Werte stets gelebt hat. In einem Fachvortrag über Unternehmenskultur könnte sie die Differenz zwischen proklamierten Werten und gelebter Praxis aufzeigen.

Hier finden Sie einige Beispiele für gelungene Sätze:

  • "Unser Unternehmen preist Nachhaltigkeit in allen Broschüren an. Doch Schopenhauer würde fragen: Sind wir hier Ausübende oder lediglich Liebh aber dieser Kunst?"
  • "In seinem Leben war er kein bloßer Liebh aber der Gerechtigkeit, sondern ihr beharrlicher Ausübender, auch gegen Widerstände."
  • "Die Debatte erinnert mich an Schopenhauers Diktum zur Tugend als Kunst. Viele bekennen sich zur Lösung, aber nur wenige üben sie aktiv aus."

Verwenden Sie die Formulierung nicht, wenn Sie eine einfache, unkomplizierte Aussage treffen möchten. Ihr ironischer oder entlarvender Unterton kann in sehr harmoniebedürftigen oder oberflächlichen Gesprächen als zu hart oder konfrontativ empfunden werden. Ihr optimaler Platz ist dort, wo Tiefgang und gedankliche Schärfe erwünscht sind.

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