Wir unterschätzen das, was wir haben, und überschätzen …
Wir unterschätzen das, was wir haben, und überschätzen das, was wir sind.
Autor: Marie von Ebner-Eschenbach
Herkunft
Die prägnante Sentenz "Wir unterschätzen das, was wir haben, und überschätzen das, was wir sind" wird häufig dem französischen Schriftsteller und Moralisten François de La Rochefoucauld (1613-1680) zugeschrieben. Sie findet sich in seinen berühmten "Réflexions ou sentences et maximes morales" (Gedanken und moralische Maximen), die erstmals 1665 veröffentlicht wurden. La Rochefoucauld verfasste diese Sammlung von pointierten Lebensweisheiten in einer Zeit, in der am französischen Hof Intrigen, Eitelkeit und die Kunst der Selbstdarstellung blühten. Seine Maximen dienten als schonungsloser Spiegel für die verborgenen Motive menschlichen Handelns, oft angetrieben von Selbstliebe ("amour-propre"). Dieser spezifische Ausspruch ist eine kristallklare Beobachtung dieser menschlichen Grundverfassung: Wir sind blind für den wahren Wert unserer Besitztümer, Fähigkeiten und Beziehungen, während wir unsere eigene Bedeutung und unsere Talente gerne überhöhen.
Bedeutungsanalyse
Die Redewendung operiert auf zwei Ebenen, die in einem eleganten Parallelismus gegenübergestellt werden. Wörtlich genommen spricht sie von einer doppelten Fehleinschätzung: Einerseits bewerten wir unseren Besitz, unsere Situation oder unsere Beziehungen ("das, was wir haben") systematisch zu niedrig ein. Andererseits stufen wir unsere eigene Person, unsere Fähigkeiten oder unsere gesellschaftliche Stellung ("das, was wir sind") konsequent zu hoch ein.
Die übertragene, tiefere Bedeutung liegt in der psychologischen und philosophischen Diagnose einer menschlichen Grundschwäche. Sie beschreibt den blinden Fleck der Selbstwahrnehmung, der aus einer Mischung aus Gewöhnung (was man hat, wird selbstverständlich) und Egozentrik (das eigene Ich steht im Mittelpunkt) resultiert. Ein typisches Missverständnis wäre, die Aussage als rein materialistisch zu lesen. "Was wir haben" bezieht sich jedoch keineswegs nur auf materielle Güter, sondern umfasst immaterielle Werte wie Gesundheit, Zeit, Freundschaften oder innere Ruhe. Ebenso ist "was wir sind" nicht nur der soziale Status, sondern das gesamte Selbstbild mit seinen Fähigkeiten, Verdiensten und seiner moralischen Integrität. Die Maxime warnt uns vor dieser doppelten Verzerrung, die zu Undankbarkeit, Überheblichkeit und letztlich zu falschen Lebensentscheidungen führen kann.
Relevanz heute
Die Aktualität dieser fast 400 Jahre alten Einsicht ist atemberaubend. In einer von sozialen Medien geprägten Kultur, die auf Selbstdarstellung und Vergleich ausgerichtet ist, gewinnt La Rochefoucaulds Beobachtung eine neue, fast prophetische Schärfe. Der ständige Strom von Bildern scheinbar perfekter Leben ("was andere haben") kann das Unterschätzen des eigenen, realen Lebens verstärken. Gleichzeitig zwingt die digitale Bühne viele Nutzer dazu, ihr eigenes Image, ihre Meinungen und Erfolge ("was sie sind") bewusst zu kuratieren und oft zu überhöhen.
Die Redewendung ist daher kein verstaubtes Literaturzitat, sondern ein scharfes Werkzeug zur Selbstreflexion in einer Zeit des "Impostor-Syndroms" (das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, obwohl man kompetent ist) und des gegenteiligen "Dunning-Kruger-Effekts" (inkompetente Menschen überschätzen ihr Können). Sie bietet eine nüchterne Korrektur für beide Extreme und ermutigt zu einer realistischen und dankbaren Selbstverortung.
Praktische Verwendbarkeit
Dieser Ausspruch eignet sich hervorragend für Kontexte, die eine kluge, reflektierte und etwas philosophische Note erfordern. Seine elegante Formulierung und zeitlose Wahrheit machen ihn vielseitig einsetzbar.
Geeignete Anlässe:
- Vorträge oder Reden zu Themen wie persönliche Entwicklung, Führung, Unternehmenskultur oder Work-Life-Balance. Er dient als perfekter Einstieg, um über Dankbarkeit, Bescheidenheit und realistische Selbstwahrnehmung zu sprechen.
- Coaching oder Mentoring-Gespräche, um Klienten eine schonungslose, aber konstruktive Spiegelung ihrer Selbstwahrnehmung zu bieten.
- Ansprachen bei festlichen Ereignissen wie Jubiläen, wo es darum geht, den erreichten Weg wertzuschätzen, ohne sich auf den Lorbeeren auszuruhen.
- Anspruchsvolle journalistische oder essayistische Texte, die gesellschaftliche Tendenzen wie die "Perfektionsfalle" oder die "Compare-and-Despair"-Mentalität analysieren.
Weniger geeignet ist die Redewendung in sehr saloppen Alltagsgesprächen oder in Situationen, die Trost erfordern (etwa bei einem konkreten Verlust), da ihre analytische Kühle dann als distanziert oder hart empfunden werden könnte.
Anwendungsbeispiele:
- "In unserer Planung für das nächste Quartal sollten wir La Rochefoucauld im Hinterkopf behalten: Oft unterschätzen wir das, was wir haben – nämlich ein eingespieltes, loyales Team – und überschätzen gleichzeitig, was wir sind, wenn wir glauben, ohne Weiterbildung den Markt anführen zu können."
- "In einer Welt des ständigen Mehr und Besser erinnert uns ein weiser Spruch daran, dass wir Menschen dazu neigen, das Vorhandene zu gering zu achten und die eigene Person zu überhöhen. Das Einüben von Dankbarkeit ist das beste Gegenmittel."
- "Bei aller berechtigten Kritik an unseren Prozessen: Bevor wir alles über den Haufen werfen, machen wir doch eine Bestandsaufnahme. Es gilt die alte menschliche Neigung, das Vertraute zu unterschätzen und die eigenen Reformideen zu überschätzen."
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