Alle Wesen erstreben das Gute, doch nicht alle erkennen das …

Alle Wesen erstreben das Gute, doch nicht alle erkennen das Wahre.

Autor: Thomas von Aquin

Herkunft

Die Aussage "Alle Wesen erstreben das Gute, doch nicht alle erkennen das Wahre" ist kein volkstümlicher Spruch, sondern ein philosophischer Grundsatz. Er wird häufig dem deutschen Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) zugeschrieben. Eine exakte Quellenangabe mit Werk, Kapitel und Seite ist jedoch schwer zu fixieren, da Schopenhauer diesen Gedanken in verschiedenen Formulierungen durch sein gesamtes Werk zieht. Der Kern der Idee ist zentral in seiner Hauptschrift "Die Welt als Wille und Vorstellung" verankert. Der Kontext ist seine Philosophie, die den blinden, unvernünftigen Lebenswillen als das Wesen der Welt beschreibt. Dieser Wille drängt alle Lebewesen zum Dasein und zum Erhalt desselben, was grundsätzlich als ein Streben nach einem als "gut" empfundenen Zustand gedeutet werden kann. Die Erkenntnis der "wahren" Beschaffenheit der Welt – nämlich als leidvoller Wille – bleibt jedoch den wenigsten vorbehalten.

Bedeutungsanalyse

Wörtlich genommen behauptet der Satz, dass jedes Lebewesen von Natur aus nach dem Guten trachtet. Das "Gute" ist hier nicht moralisch, sondern im Sinne von "erstrebenswert", "nützlich" oder "dem eigenen Willen entsprechend" zu verstehen. Es geht um das instinktive oder bewusste Verfolgen von Zielen, die das eigene Wohl betreffen. Der zweite Teil stellt eine entscheidende Einschränkung dar: Das bloße Streben nach dem vermeintlich Guten garantiert keineswegs, dass man auch die Wahrheit erkennt. "Das Wahre" meint hier die tiefere, oft unangenehme Realität hinter den Erscheinungen. Ein typisches Missverständnis wäre, den Satz als moralische Entschuldigung zu lesen ("Er meinte es ja nur gut"). Vielmehr ist es eine nüchterne, fast tragische Feststellung: Unser Antrieb ist auf subjektives Wohlergehen gerichtet, nicht auf objektive Einsicht. Wir handeln aus Trieb und Begierde, nicht aus Erkenntnis. Die Kluft zwischen unserem Wollen und unserem Erkennen ist der Ursprung vieler Irrtümer und Konflikte.

Relevanz heute

Die Aussage ist heute hochrelevant, vielleicht sogar relevanter als zu Schopenhauers Zeiten. In einer Welt, die von individuellen Zielen, Selbstoptimierung und der Verfolgung des persönlichen Glücks geprägt ist, beschreibt sie präzise ein fundamentales Dilemma. Jeder strebt nach seinem persönlichen "Guten" – ob Karriere, Reichtum, Anerkennung oder Bequemlichkeit. Gleichzeitig zeigt der öffentliche Diskurs, wie schwer es fällt, gemeinsame Wahrheiten zu erkennen oder auch nur faktenbasierte Debatten zu führen. Die Redewendung wirft ein Licht auf die Phänomene der Filterblasen, der Confirmation Bias und der postfaktischen Kommunikation. Sie erinnert uns daran, dass gutes Meinen nicht mit richtigem Wissen gleichzusetzen ist und dass der Weg zur Wahrheit aktive, oft unbequeme Erkenntnisbemühung erfordert, die über das reine Wollen hinausgeht.

Praktische Verwendbarkeit

Dieser Satz eignet sich nicht für lockere Alltagsgespräche, sondern für reflektierte Kontexte, in denen über Motivation, Erkenntnis oder ethisches Handeln diskutiert wird. Er ist ideal für anspruchsvolle Vorträge, philosophische Essays, Leitartikel oder auch in einer Trauerrede, um über die Grenzen menschlichen Wollens und Verstehens nachzudenken. In einem Coaching- oder Managementkontext kann er helfen, zu differenzieren zwischen der guten Absicht eines Teams und der nüchternen Analyse der tatsächlichen Sachlage. Verwenden Sie ihn, um eine Diskussion zu vertiefen oder einen gedanklichen Kontrapunkt zu setzen.

Anwendungsbeispiele:

  • In einem Vortrag über politische Polarisierung: "Wir müssen verstehen, dass in vielen Debatten alle Seiten das Gute erstreben – für ihre Gemeinschaft, ihre Werte. Doch Schopenhauer mahnte uns, dass nicht alle das Wahre erkennen. Unsere Aufgabe ist es, die Brücke zwischen diesem ehrlichen Streben und der gemeinsamen Suche nach Wahrheit zu schlagen."
  • In einer ethischen Betrachtung: "Das Projekt scheiterte trotz bester Absichten. Es ist, als ob Schopenhaures Diktum sich bewahrheitete: Alle Beteiligten erstrebten das Gute, doch die kollektive Blindheit gegenüber den wahren Marktmechanismen führte zum Misserfolg."

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