Das Zeichen der Vollkommenheit in den niederen Wesen ist: …
Das Zeichen der Vollkommenheit in den niederen Wesen ist: Dass sie etwas sich selbst Ähnliches zu schaffen vermögen.
Autor: Thomas von Aquin
Herkunft
Die Aussage "Das Zeichen der Vollkommenheit in den niederen Wesen ist: Dass sie etwas sich selbst Ähnliches zu schaffen vermögen" stammt aus dem Werk "Die Welt als Wille und Vorstellung" des Philosophen Arthur Schopenhauer. Sie findet sich im zweiten Band, der 1844 erschien, und zwar im 41. Kapitel mit dem Titel "Über den Tod und sein Verhältnis zur Unzerstörbarkeit unseres Wesens an sich". Der Kontext ist Schopenhauers metaphysische Betrachtung des Lebenswillens, der sich in der Fortpflanzung manifestiert. Für ihn ist die Zeugung von Nachkommen der deutlichste Ausdruck dieses blinden, ewigen Willens zum Leben in jedem Lebewesen.
Bedeutungsanalyse
Wörtlich beschreibt der Satz die biologische Fähigkeit zur Fortpflanzung. "Niedere Wesen" meint hier alle Lebewesen, die dem blind wirkenden Lebenswillen unterworfen sind, im Gegensatz zum möglicherweise erleuchteten Menschen. "Vollkommenheit" bezieht sich nicht auf moralische oder intellektuelle Vollkommenheit, sondern auf die vollständige Entfaltung und Wirksamkeit des zugrundeliegenden Prinzips, des Willens zum Leben.
Übertragen und im Kern von Schopenhauers Philosophie bedeutet der Satz: Das höchste Ziel und die eigentliche "Erfüllung" eines jeden Lebewesens, das vom metaphysischen Willen gesteuert wird, liegt darin, sich zu reproduzieren. Die Schaffung von Nachkommen ist der Gipfelpunkt seiner Existenz, weil sich darin der Wille selbst erhält und fortsetzt. Ein häufiges Missverständnis ist, den Satz als Lob der Kreativität oder des Schaffens im menschlich-künstlerischen Sinne zu lesen. Das ist nicht gemeint. Es geht um den triebhaften, naturhaften Akt der Zeugung als Ausdruck eines unpersönlichen, alles durchdringenden Prinzips.
Relevanz heute
Die direkte Redewendung ist im alltäglichen Sprachgebrauch nicht geläufig. Ihre Relevanz liegt heute primär im philosophischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs. Sie bietet eine radikale, biologistische Perspektive auf Themen wie Fortpflanzung, den Sinn des Lebens und die Triebfedern menschlichen Handelns. In einer Zeit, in der über Lebensentwürfe, Kinderwunsch und die Rolle der Biologie in der Gesellschaft debattiert wird, kann Schopenhauers These als provokanter Denkanstoß dienen. Sie fordert uns heraus, zu hinterfragen, inwiefern unser Streben noch von naturgegebenen "Programmen" beeinflusst wird oder wir uns bewusst davon befreien können. Die Aussage bleibt somit ein relevanter Bezugspunkt in Diskussionen um Natur versus Kultur, Determinismus und Freiheit.
Praktische Verwendbarkeit
Dies ist kein sprichwörtlicher Ausdruck für den täglichen Smalltalk. Seine Verwendung ist speziellen, reflektierten Kontexten vorbehalten, in denen eine tiefgründige, vielleicht auch provokante Aussage beabsichtigt ist.
Geeignet ist die zitierte Sentenz beispielsweise in einem philosophischen Vortrag, in einem Essay über menschliche Natur oder Schopenhauer, oder in einer anspruchsvollen Rede zu einem Thema wie Generationenverantwortung oder der Ethik der Fortpflanzung. In einer Trauerrede wäre sie wahrscheinlich zu abstrakt und zu sehr auf den Lebenswillen fokussiert, um Trost zu spenden. In einem lockeren Gespräch wirkt sie hingegen unpassend und schwerfällig.
Ein gelungenes Anwendungsbeispiel in einem Artikel könnte so aussehen: "In der Debatte um den generellen Kinderwunsch wird oft vergessen, welches immense evolutionäre Erbe in uns steckt. Schopenhauer brachte es auf den Punkt: 'Das Zeichen der Vollkommenheit in den niederen Wesen ist: Dass sie etwas sich selbst Ähnliches zu schaffen vermögen.' Diese biologische Perspektive relativiert nicht unsere freien Entscheidungen, aber sie hilft, den enormen Druck zu verstehen, der von Jahrmillionen der Naturgeschichte ausgeht."
Sie können das Zitat auch kritisch verwenden, um eine Gegenposition zu markieren: "Das Ideal, sich vor allem durch Nachwuchs zu verwirklichen, erinnert an Schopenhauers düstere Formel von der Vollkommenheit der niederen Wesen. Vielleicht liegt menschliche Vollkommenheit heute gerade darin, diesen automatischen Willen zu transzendieren und andere Formen des Schaffens und der Weitergabe zu finden."
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